WGs sind die Hölle… der „Tatort“ heute (irgendwie) nicht – Kritik zum Wiener Fall „Gegen die Zeit“
Eisner und Fellner aus dem Wiener „Tatort“ geben sich zum vorletzten Mal die Ehre – und setzen dabei auf ein Kammerspiel. Taugt dieser Ansatz oder kann man sich den „Tatort“ heute klemmen?

Wenn ich jedes Mal einen Euro bekommen würde, wenn alteingesessene „Tatort“-Kommissare in ihrem vorletzten Fall in einem Kammerspiel ermitteln, dann hätte ich zwei Euro … was nicht viel ist, aber es ist seltsam, dass es zweimal passiert ist. Ebenso wie Batic und Leitmayr in ihrem vorletzten Fall „Das Verlangen“ stark kondensiert in der Theaterwelt ermittelt haben, verschlägt es Eisner und Fellner in „Gegen die Zeit“ in eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft – ebenfalls kondensiert. Und ebenso wie „Das Verlangen“ ist „Gegen die Zeit“ ein durchaus brauchbarer Fall …
Handlung: Das passiert im „Tatort: Gegen die Zeit“
Heller Aufruhr im „Sonnenhof“, einer sozialpädagogischen Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche. Der Leiter David (Roland Silbernagl) wurde erschlagen, und als Verdächtiger gilt der Bewohner Cihan (Alperen Köse), der spurlos verschwunden ist. Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) haben bei ihren Ermittlungen alle Hände voll zu tun, denn auch alle anderen Bewohner des Hauses könnten potenzielle Täter sein. Dafür verbringen sie Zeit mit den Jugendlichen und den Betreuern, um herauszufinden, wie die Beziehungen untereinander sind – und stoßen dabei auf etliche zwischenmenschliche Konflikte und Intrigen aller Art.
Exposition mal anders: Wo „Gegen die Zeit“ brilliert
Normalerweise ist Exposition, also die Art und Weise, wie Informationen vermittelt werden, im „Tatort“ oft sehr zäh. Charaktere sitzen zusammen und werfen sich relevante Infos zu, die selten spannend aufbereitet sind. „Gegen die Zeit“ geht hier einen anderen Weg.
Zunächst hält man sich an die wichtige Regel „show, don’t tell“. Dinge werden gezeigt, statt nur erzählt. In „Gegen die Zeit“ nutzt man Rückblenden – und greift dabei auf die Perspektiven der jeweils Erzählenden zurück. Das bedeutet, dass die dargestellte Wahrheit immer infrage steht. Zusätzlich durchbrechen die Figuren in diesen Szenen die vierte Wand und lockern so die sonst eher uninspirierte Exposition auf.
Die Rente ist nicht mehr weit weg: Eisner und Fellner sind so belanglos wie noch nie
„Gegen die Zeit“ ist ein klarer Täter-„Tatort“. Das bedeutet: Der Fokus liegt weniger auf den Ermittlern als auf den potenziellen Tätern. Das ist grundsätzlich ein spannender Kniff, weil die WG-Bewohner so mehr Raum bekommen. Gleichzeitig entsteht daraus aber ein klassisches Problem.
Eisner und Fellner bleiben weitgehend Randfiguren. Waren sie im Fall „Der Elektriker“ noch im Zentrum, stehen sie hier oft am Rand des Geschehens. Auch wenn ich kein ausgesprochener Fan des Duos bin, ist es schade, dass Bibi und Moritz in ihrem vorletzten Fall nicht stärker in den Mittelpunkt rücken – schließlich bleibt nicht mehr viel Zeit mit ihnen.
Wenn ich Leuten beim Zuhören zusehen möchte, schaue ich mir eher einen „Tatort“ aus Dortmund an.
Bewusst oder unbewusst? Seltsame Details in „Gegen die Zeit“
Es gibt zwei Dinge, die in „Gegen die Zeit“ besonders auffallen. Erstens müssen Bibi und Moritz im Zuge der Ermittlungen die Social-Media-Profile der Mitarbeiter durchforsten und stoßen dabei auf KI-generierte Memes. Einerseits passt das zum Zeitgeist – auch wenn es stellenweise eher cringe wirkt. Andererseits bleibt ein fader Beigeschmack: Solche Inhalte ersetzen kreative Arbeit, die auch von echten Designerinnen und Designern hätte kommen können.
Der zweite Punkt ist die politische Ausrichtung. An vielen Stellen positioniert sich der Film klar und verortet Figuren und Motive deutlich links. Das kann man als konsequent und zeitgemäß lesen, gleichzeitig wirkt es manchmal etwas aufgesetzt, da es nicht immer organisch zur Geschichte passt. Grundsätzlich gilt aber: lieber einmal zu deutlich Haltung zeigen als gar nicht.
„Gegen die Zeit“: Aus der Schablone – mit leichten Abweichungen
„Gegen die Zeit“ ist ein eher ruhiger „Tatort“. Eisner und Fellner bewegen sich durch den Fall, ohne große Impulse zu setzen. So sehr, dass man gegen Ende fast überrascht ist, dass sie die Auflösung überhaupt liefern.
Diese zwischenzeitliche Trägheit wird jedoch durch kleinere stilistische Abweichungen aufgefangen. Wer das Wiener Duo mag, dürfte also trotzdem auf seine Kosten kommen. Wer hingegen einen richtig starken „Tatort“ sehen möchte, sollte eher zum Kölner Fall „Showtime“ in der Mediathek greifen.








