Wir können auch Frank Anders …

„Tatort“ heute: Absoluter Kinderquatsch … und das ist gut so – Kritik zum Fall „Showtime“ aus Köln

Nach einem doppelten „Tatort“-Spektakel meldet sich der Kölner „Tatort“ mit „Showtime“ zurück – ein klassischer Fall, der richtig Spaß bringt.

Schenk (Dietmar Bär, links) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) suchen auf dem Studiogelände nach der Kindershow Sachen und Lachen und entdecken allerlei illustres Volk.
Kindergarten? Wohl kaum! Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.) und Schenk (Dietmar Bär) müssen in der seriösen Welt des Kinderfernsehens ermittlen. Foto: WDR/BAVARIA FICTION/Martin Valentin Menke

Letzte Woche verabschiedeten sich Batic und Leitmayr mit dem extralangen Zweiteiler „Unvergänglich“ und warteten mit viel Schwermut, Spektakel und Emotionen auf. Dem wird diese Woche das Kölner Team Ballauf und Schenk entgegengestellt, die auf Humor und eine kondensierte Kriminalgeschichte setzen. Warum ist dieser Fall ein absolutes Highlight der aktuellen Saison und wieso mischt Max Giermann mit?

„Tatort“: Worum geht es in „Showtime“?

Frank Anders (Max Giermann) und seine Frau Caro (Silvina Buchbauer) moderieren gemeinsam die Kindersendung „Sachen und Lachen“. Doch die heile Welt des Kinderfernsehens beginnt allmählich zu bröckeln, als der Kameramann „Happy“ (Niels Bormann) in seinem Auto verbrannt aufgefunden wird. Prompt rücken Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) auf den Plan – zur großen Freude von Schenk, der die Show früher mit seiner Enkelin geschaut hat.

Doch die anfängliche Freude verstreicht schnell, als sich herausstellt, dass Frank Anders ein regelrecht missratener Mensch ist und alle um sich herum schikaniert. Demnach ist es keine große Überraschung, dass der Moderator kurze Zeit später auch tot aufgefunden wird. Nun haben Ballauf und Schenk alle Hände voll zu tun, denn fast jede Person aus Anders’ nächstem Umfeld hätte ein Motiv gehabt, ihn umzubringen.

Punkt, Satz und Sieg: „Showtime“ kann sich blicken lassen – und sollte es auch

Irgendjemand hatte sichtlich Spaß daran, diesen „Tatort“ zu inszenieren. Aus jeder Ecke springen einem kreative Schnittideen und Kameraeinstellungen entgegen. Statt genreüblicher Schuss-Gegenschuss-Perversionen setzt man teilweise auf Parallelmontagen, um diese zu umgehen. Unter das Wort Montagen fallen auch Musikmontagen.

Ein weiteres Highlight sind Jumpcuts, also ruckartige Schnitte, die teilweise in negative, farblich invertierte Versionen der Bilder überschneiden. So baut sich nicht nur Spannung und eine temporär gruselige Stimmung auf, sondern man nutzt sie auch für Spielereien. Als es darum geht, zu klären, wer die Pressekonferenz anlässlich Frank Anders’ Tod übernimmt, spielen Ballauf und Schenk eine Partie Schere-Stein-Papier und geben dieser durch simples Spalten des Bildes gleich viel mehr Gewicht.

„Showtime“: „Wissen macht Ah!“ – Mordopfer auch

Am Anfang des Falls dachte ich mir noch: „Wenn sie einen Fall erzählen wollen, der in der Welt des Kinderfernsehens spielt, wieso haben sie nicht einfach die öffentlich-rechtliche Nähe ausgenutzt und sich bei „Der Sendung mit der Maus“ bedient?“ Spätestens nach zwanzig Minuten war dieser Gedanke ad absurdum geführt, denn sobald Max Giermann das erste Mal die Fassung verliert, versteht man, warum nicht Armin, Christoph oder Ralph für diesen Fall herhalten konnten.

Die Idee, eine allseits beliebte Person privat als abgrundtief fehlgeleiteten Mistmenschen zu offenbaren, ist ein Heidenspaß, der von der authentisch wirkenden Inszenierung der Sendung „Sachen und Lachen“ gut aufgefangen wird. Zeitweise bekommt man wirklich das Gefühl, eine Mischung aus „Die Sendung mit der Maus“ und „Wissen macht Ah!“ zu gucken. Dennoch ist Authentizität nicht der wahre Höhepunkt des Falls …

Bühne frei: Max Giermann verliert den Verstand – und alle dürfen zusehen

Puppenspieler Yassin Meret (Erkan Acar, l) und Moderator Frank Anders (Max Giermann) streiten sich. Anders ist sichtlich agitiert.
Der Kinski des Kinderfernsehens: Frank Anders (Max Giermann, r.) ist ein absoluter Choleriker. Foto: WDR/BAVARIA FICTION/Martin Valentin Menke

Offen gesagt war ich etwas skeptisch, als ich hörte, dass Max Giermann mitspielen würde. Klar, der Mann ist ein Sympathieträger, aber eher in mehr oder weniger geskripteten Shows wie „LOL“. Umso größer war meine Überraschung, dass Max Giermann nicht nur ein Sympathieträger sein kann, sondern auch ein absoluter Hingucker ist, wenn man ihm dabei zusehen darf, wie er – oder eher Frank Anders – den Verstand verliert.

Vollends enigmatisch stolpert der Choleriker Anders durch diesen Fall und tut seinen Mitmenschen das Schlimmste an. Doch dem zuzusehen bringt einen Heidenspaß, weil Max Giermann sich so weit von dem entfernt, wofür er bekannt ist – außer man kennt ihn nur wegen seiner Kinski-Parodien. Fairerweise bringt es derartigen Heidenspaß, dass man sich regelrecht ärgert, sobald Anders den Löffel abgibt.

„Tatort“: Hier wird kein Spruch verschenkt

Auch wenn Batic und Leitmayr letzte Woche mit ihrem Finale(?) überwiegend begeistern konnten, wünscht man sich doch, dass die beiden ein paar mehr Sprüche geklopft hätten. Als Entschädigung bekommt man diese Woche Ballauf und Schenk, die keine Chance verpassen, sich gegenseitig zu kappeln.

Das fängt bei simplen Vorwürfen wie „Ein Selfie bei der Morderermittlung?“ an und geht in bitterbösen Mangel an Respekt wie „Norbert, ich mach‘ heute Abend eine Kerze für dich an“ über. Die Dynamik zwischen Bär und Behrendt kann nämlich richtig gut sein – vorausgesetzt, dass die Drehbuchautorinnen und -autoren zwischen Schwermut auch Raum für Leichtfüßigkeit finden. Die beiden beweisen erneut, dass sie die Antithese zu Boerne und Thiel sind … in der Hinsicht, dass sie tatsächlich lustig sein können.

Einer der besten „Tatort“-Fälle des Jahres: „Showtime“ ist großartig

„Das müsste es viel mehr geben als diese ewigen Krimis.“, so Bär zu Behrendt in Bezug auf Kindersendungen. In einer Welt, in der „Showtime“ ein schlechterer Fall gewesen wäre, hätte ich dieses Zitat sicherlich genutzt, um die Episode schlechtzureden. Da „Showtime“ aber mindestens zu den Top 5 besten Fällen der bald endenden Saison gehört, wäre diese Kritik vollends fehl am Platz.

Wer also heute Abend einen Fall sehen möchte, der nicht nur unterhaltsam ist, sondern auch emotional immer wieder tief in die Magengrube hauen kann und einen überraschend guten Max Giermann mitbringt, sollte sich definitiv „Showtime“ anschauen. Auch wenn ein paar Fälle der Saison besser waren, ist es schwer vorstellbar, dass die letzten drei Fälle noch an den Kölnern vorbeiziehen werden.