Guy-l Ritchie

Wann ist ein Guy ein Guy? Kritik zu „In the Grey“

Guy Ritchie ist zurück und hat seine eigene kleine Grauzone gefunden. Aber taugt „In the Grey“ auch etwas oder kann man sich den Kinobesuch sparen?

Henry Cavill und Jake Gyllenhaal stehen hinter Eiza González, die telefoniert.
Sein Leben, ihre Milliarden: Rachel Wild (Eiza González) muss in „In the Grey“ Geld bei den reichsten der Reichen eintreiben. Foto: LEONINE

Es gibt Ereignisse, von denen man weiß, dass sie jedes Jahr passieren: Christi Himmelfahrt, der Tag des Apfelkuchens und ein Guy-Ritchie-Film, der (leider) unter dem Radar fliegt. Der diesjährige Guy-Ritchie-Streifen, der Teil dieser Tradition ist, heißt „In the Grey“ und wartet mit Henry Cavill, Jake Gyllenhaal sowie Eiza González auf. Inmitten dieser „Grauzone“, die „In the Grey“ bedeutet, schlummert ein Film, der wie ein großes Medley aus Guy Ritchies Filmografie wirkt – im bestmöglichen Sinne.

„In the Grey“: Davon handelt der Film

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Video: TVMovie / Leonine Studios

Wenn Milliardäre geliehenes Geld veruntreuen und ihre Schulden nicht bezahlen, dann treten Rachel Wild (Eiza González) und ihr Team, angeführt von Sid (Henry Cavill) und Bronco (Jake Gyllenhaal), auf den Plan. So auch im Falle des Tycoons Manny Salazar (Carlos Bardem), der einem großen Finanzinstitut eine Milliarde Dollar schuldet und sich partout weigert, diese zurückzuzahlen.

Um ein Meeting mit diesem zurückgezogenen Milliardär zu erzwingen, fährt Rachel etliche Geschütze auf und ist determiniert, ihm alles zu nehmen, bis sie die Milliarde bekommt. Und um sicherzustellen, dass dieser Plan aufgeht, schickt sie Sid und Bronco los, die nicht nur mit Köpfchen, sondern auch mit Muskeln dafür sorgen, dass sich die Schlinge um Salazars Hals zunehmend enger zieht.

Jenseits der Grauzone: Wo war Guy Ritchie die letzten Jahre?

Wenn man das normale Publikum fragen würde, wo Guy Ritchie die letzten paar Jahre gewesen ist, dann würden die meisten wahrscheinlich mit „Wer ist Guy Ritchie?“ antworten. Personen, die etwas erfahrener sind, neigen wahrscheinlich eher dazu zu sagen, dass der letzte Ritchie-Streifen, den sie gesehen haben, „Aladdin“ (2019) oder „The Gentlemen“ (2019) war. Aber die wenigsten dürften wissen, dass er seitdem fünf weitere Filme veröffentlicht hat – sechs, wenn man „In the Grey“ mitzählt.

Jetzt muss man ehrlicherweise aber auch sagen, dass es mehrere Gründe gab, weshalb diese Filme („Wrath of Man“ ausgenommen) eher unter ferner liefen. Abgesehen von Covid war es auch ein Problem, dass viele der Filme zu einer Zeit erschienen, als sich das Kino nach der Pandemie erstmal wieder fangen musste. Darüber hinaus hatten originäre Inhalte in dieser Zeit noch größere Probleme, Publikum anzuziehen.

„In the Grey“ ist nun aber mal wieder ein größerer Kinorelease – und das merkt man.

„In the Grey“: Wie ein Guy das Kino be-Ritchie-t

Guy Ritchie bleibt sich weiterhin treu und möchte originelle Geschichten erzählen – zuletzt landeten diese Geschichten aber meist auf Streaming-Services. „In the Grey“ wird nun aber auf die große Leinwand gebracht und die meiste Zeit fragt man sich: Warum? Nicht, dass Filme, die ihre Geschichten ruhiger und ohne Action erzählen, nicht auf der großen Leinwand stattfinden dürften, aber wer einen Guy-Ritchie-Film schaut, weiß eigentlich, dass einem früher oder später Schauwerte um die Ohren gehauen werden sollten.

Und eine lange Zeit fragt man sich, wo die Action bleibt. Die meiste Zeit hauen sich die Charaktere ihre Ritchie-esken Dialoge um die Ohren, bis es schlussendlich „Klick“ macht. Ritchie spart sich diesmal seine ganze grandiose Action bis zum letzten Drittel des Films auf – und das lohnt sich, denn hier explodieren echte Kulissen, Leute hängen an Seilrutschen, All-Terrain-Vehikel fahren über jedes Terrain und die Panzerfaust sagt mehr als tausend Worte. Wer wirklich mal wieder brachiale Action im Kino sehen will, sollte sich in die Grauzone begeben.

Alle haben Spaß – auf der Leinwand und auf den Kinositzen

Guy Ritchie liebt seine Charaktere – wohlgemerkt bedingungslos und in keiner bestimmten Reihenfolge, wie er uns im Interview verraten hat. Und auch diesmal lässt er allerlei Charakterköpfe aufeinander los, die man gleich nach Filmende in einem zweiten Abenteuer sehen will.

Henry Cavill und Jake Gyllenhaal haben eine noch bessere Chemie miteinander als Henry Cavill und Armie Hammer in „The Man From U.N.C.L.E.“. Mit einem stets homoerotischen Spruch auf den Lippen stolpert dieses dynamische Duo durch Bond-eske Szenarien, beherrscht dabei aber stets die Narrative.

Eiza González hingegen darf mit einer gewissen Coolness über die Jungs herrschen, die wiederum über die Narrative herrschen. Dennoch muss man sagen, dass ihr Charakter in gewisser Hinsicht ambivalent ist, denn prinzipiell ist es egal, ob ihre Figur ein Mann oder eine Frau ist. Einerseits kann man daran festmachen, dass Ritchie ihr noch derbere Sprüche als Cavill und Gyllenhaal in den Mund legt und somit den Anschein erweckt, eine Frau geschrieben zu haben, die eigentlich ein Mann ist. Gleichzeitig ist diese Figur, die eigentlich über allem stehen soll, diejenige, die in jeder Schieflage gerettet werden muss. An dieser Stelle hätte man nochmal nachschärfen können: Man muss González ja nicht zur überqualifizierten Kampfamazone verklären, aber einen Mittelweg zu finden, der eine dominante Figur nicht stellenweise entmündigt, wäre eleganter gewesen.

„In the Grey“: Guy Ritchie wandelt auf alten Spuren – zurecht!

Am Ende des Tages bleibt man mit der großen Zusammenführung etlicher Ritchie-Filme zurück: Die Figuren sind so cool wie in frühen Hits à la „Snatch“. Der Plot ist so herrlich überkonstruiert wie in „The Gentlemen“ und die Action erinnert stark an „Wrath of Man“.

Anderen Filmemachern – David Lowery zum Beispiel – würde man vorwerfen, dass ihnen die Ideen ausgegangen seien, aber bei Guy Ritchie ist das eher Stil. Und zurzeit wirkt es so, als wäre sein neuer Stil einfach alles zu vermengen, was früher mal funktioniert hat – und siehe da: Wer nur funktionierende Teile zusammenschraubt, bekommt etwas, das selbstverständlich funktioniert.

Wer sich beschwert, dass es im Kino selten originelle Ideen jenseits von Franchises gibt, sollte sich „In the Grey“ anschauen. Der Film weiß, was er ist, was er will und was die Leute eigentlich sehen wollen. Jetzt muss man nur noch hoffen, dass sich die Menschen den Ausflug in die Grauzone auch trauen …