Freunde sind gruselig – Geister auch

Die schwermütigste Geistersgeschichte aller Zeiten – Kritik zu „Mother Mary“

Heilige Mutter Maria, David Lowery lässt wieder die Geister wüten – und zaubert so einen Film, der sich mehr wie das Medley eines Medleys anfühlt.

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Video: A24/TVMovie

Produktionsstudio A24 und Regisseur David Lowery haben sich erneut zusammengetan, um für ein Filmprojekt zu kollaborieren. Für dieses hat er sich nicht nur Anne Hathaway geschnappt, die gerade aufgrund von „Der Teufel trägt Prada 2“ in aller Munde ist, sondern auch charli xcx und FKA Twigs für die Musik. Dazwischen gruselt irgendwo ein Geist durch eine alte Scheune und fertig ist der filmgewordene Schwermut. Warum genau dieser Film so schwermütig ist und warum das stellenweise regelrecht schlauchend ist, erfährt man in unserer Kritik …

„Mother Mary“: Handlung

Anne Hathaway steht in einem spärlichen Kostüm auf einer Bühne und singt einen Song. Der Hintergrund ist blau und zeigt ihr Gesicht.
Top of the Pop: Mother Mary (Anne Hathaway) ist eine unfassbar beliebte Musikerin – und eine unfassbar schlechte Freundin. Foto: Zoey Kang (A24)

Mother Mary (Anne Hathaway) ist ein weltbekannter Popstar – zumindest war sie das, bis sie einen furchtbaren Unfall bei einem ihrer Auftritte hat. Jahre später plant sie ein Comeback und braucht dafür die Hilfe ihrer alten Freundin Sam (Michaela Coel), einer weltberühmten Kostümdesignerin, die für sie ein brandneues Kleid schneidern soll. Trotz eines freundschaftlichen Bruchs und starker Antipathien seitens Sam entscheidet sie sich, Mother Mary ihren Wunsch zu erfüllen. So begeben sich die beiden ehemaligen Freundinnen auf eine unfreiwillige Reise in ihre Vergangenheit und merken schnell, dass nicht nur gemischte Gefühle auf Sams Anwesen wüten, sondern auch ein Geist sein Unwesen treibt.

Die große A24-Wundertüte: Mother Medley

Entweder hat David Lowery zu viele oder zu wenige A24-Filme gesehen, denn entweder lässt er sich von seinen eigenen Filmen beeinflussen, oder er weiß nicht, dass A24 etliche Filme wie „Mother Mary“ im Portfolio hat. Normalerweise hasse ich es, wenn Filmjournalisten etliche Filme aufzählen, um darzustellen, dass sie genügend Referenzmaterial gesehen haben, aber bei „Mother Mary“ kann man diesem Umstand gar nicht entgehen.

Auf den ersten Blick erinnert der Film vor allem an Lowerys „A Ghost Story“ von 2017. Nicht nur, weil beide Filme einen Geist aufweisen, sondern eher, weil die Filme dieselben Motive, aber vor allem denselben Schwermut mitbringen. Auf diesen Film wird dann ein Geisterdesign gelegt, das stark an den A24-Streifen „In Fabric“ erinnert. Dieser Mischung schließen sich Einflüsse an, die an die Popstar-Allüren aus „The Moment“ und an die Folklore-Märchenstunde aus „The Green Knight“ erinnern.

Was ich damit sagen will, ist, dass auf jede Idee, die Lowery auslegt, ein Gedanke folgt, bei dem man sich denkt: „Das habe ich entweder schon bei David Lowery, bei A24 oder im schlimmsten Fall bei beiden gesehen.“

Was ist, wenn der wahre Schatz, den wir unterwegs gefunden haben, die Freunde sind, die wir einst verloren haben? Oder auch „Mother Mary“

Dieser mal mehr und mal weniger originellen Wundertüte stehen zwei Darstellerinnen gegenüber, die sich die Seele aus dem Leib spielen (wollen). Anne Hathaway darf wie so häufig brillieren, dementsprechend fällt schon eher die frech-verbissene Michaela Coel ins Auge, bei der man nie ganz weiß, ob sie Hathaway gleich küssen oder abstechen möchte.

Gemeinsam wirren sie durch eine verklausulierte Geschichte über Freundschaften und die Bänder, die uns im Leben verbinden, die viel prätentiöser wäre, wenn sie nicht durch Darstellerinnen aufgewertet werden würde, die den Stoff ernst nehmen – nicht nur den des Kleides, sondern auch den der Narrative.

Das Highlight dieses Wirrwarrs ist eine Tanzszene, in der Anne Hathaway ohne jegliche Musik über das knarzende Parkett drapiert und dabei alles gibt. Doch wie fast alles in diesem Film ist diese Szene, die viel zu lang und bedeutungsschwanger ist, exemplarisch dafür, was hier alles falschläuft.

Weder Fisch noch Fleisch – aber auch nichts anderes: Was möchte „Mother Mary“ sein?

In einer Hinsicht schulde ich „The Bride“ eine Entschuldigung, denn diese wirre Frankenstein-Interpretation ist nicht mehr der unentschlossenste Film des Jahres. Stattdessen setzt sich „Mother Mary“ die Krone (oder doch den Heiligenschein?) auf und stellt die Frage in den Raum: „Was schaue ich hier eigentlich?“ Drama oder Musical? Musical oder Thriller? Thriller oder Horrorfilm? Die Antwort auf all diese Fragen ist stets „Ja“.

Nun mag man sich denken: „Das ist ja super. So bekomme ich viel für mein Geld und meine Erwartungshaltung wird stets unterwandert.“ Das wäre auch super, wenn diese Annahme stimmen würde. Stattdessen bekommt man ein tonales Chaos serviert, das nie vollends weiß, was es sein will. Kontinuierlich hofft man, dass der große Grusel gleich um die Ecke kommt, bis einem einfällt, dass das hier ein David-Lowery-Film ist – und der Mann nur Schwermut kann. Und das in jedem Genre.

„Mother Mary“: Ein schönes Bilderbuch, das emotional kalt lässt

Trotz der ganzen Kritik ist David Lowery dennoch ein fähiger Regisseur, der es vermag, wunderschöne Bilder zu zaubern. Selten wurden stürmische Herbsttage besser eingefangen als von ihm. Atmosphärisch macht „Mother Mary“ im Rahmen der Gemütlichkeit niemandem etwas vor.

Ob ein Drama/Thriller/Horrorfilm aber gemütlich sein sollte, kann man infrage stellen. Ich war stellenweise so entspannt, dass ich fast eingeschlafen wäre. Nach dem Kinogang war ich regelrecht träge und ausgelaugt. Vielleicht hängt das mit der Qualität des Films zusammen – vielleicht ist aber auch der Geist von „Mother Mary“ in mich gefahren.