Berlin, Berlin

„Tatort“ heute: „Erika Mustermann“ aus Berlin ist nicht so generisch wie der Titel

Berlin im Brennpunkt: Identitäten werden gestohlen, Lieferfahrer überfahren und Bundesinstitutionen durchleuchtet. Ist das spannend oder kann man den Berliner „Tatort“ in die Tonne treten?

Corinna Harfouch (links) und Mark Waschke (rechts) sitzen in einem Auto.
Pass-abel: Warum ermitteln Bonard (Corinna Harfouch) und Karo (Mark Waschke) in der Bundesdruckerei? Foto: rbb/Schiwago/Hardy Spitz

Letzte Woche gab es im Alten Land Apfelkompott … pardon, ein Apfelkomplott, und diese Woche wartet Berlin mit Identitätsdiebstahl, Korruption in der Bundesdruckerei und venezolanischen Verbrechern auf. Ist diese Kombo genauso albern, wie sie klingt, oder haben wir es hier mit einem modernen Klassiker der ARD-Kriminalgeschichte zu tun?

Was ist schon wieder in Berlin los?

Es ist ein sonniger Tag in Berlin, und alle sind bester Dinge. Doch das ändert sich prompt, als ein Fahrradlieferant auf offener Straße überfahren wird. Das Berliner Ermittlerduo Robert Karo (Mark Waschke) und Susanne Bonard (Corinna Harfouch) nimmt die Ermittlungen auf und hat schnell eine erste Spur: Der Ausweis des Verstorbenen führt die beiden zu seiner Ehefrau, die von den Nachrichten am Boden zerstört ist – bis ihr Ehemann in bester Gesundheit zur Tür hineinkommt. Schnell finden Karo und Bonard heraus, dass es sich hier um Identitätsdiebstahl handelt und sich drei Personen gleichzeitig die Identität eines Xavier Weberlein teilen. Nun stellen sich folgende Fragen: Warum wollte jemand diesen kriminellen Lieferfahrer tot wissen? Und was hat die Bundesdruckerei damit zu tun?

Tatort Kritik: Der Verdacht bestätigt sich

Als in der diesjährigen Sommerpause der Berliner Fall „Das Mädchen, das allein nach Haus‘ geht“ wiederholt wurde, hatte ich vermutet, dass in der Hauptstadt sehr viel größere Summen für den „Tatort locker gemacht werden als in den kleineren Städten. Das wurde zwar weiterhin nicht offiziell bestätigt, aber das bloße Auge reicht aus, um einen Unterschied zu sehen.

Technisch ist hier alles auf höchstem Niveau: Bildwechsel von Unschärfe in Schärfe, Dialoge, die nicht nur von Schuss-Gegenschuss durchzogen sind, und ein steter Wechsel zwischen Totalen, Halbtotalen oder Close-ups. Das sorgt für Dynamik und lässt einen schnell vergessen, dass man einen „Tatort“ sieht. Ob das per se mit der Vision oder doch eher der Menge an Budget zusammenhängt, ist unklar, aber andere „Tatort“-Städte können sich hier mal was abgucken – denn, wie man weiß: Auch mit wenig Budget kann man viel machen.

Fiktion oder Realität?

Während der Fall „Letzte Ernte“ aus der letzten Woche dadurch glänzte, dass man etwas gelernt hat, ohne belehrt zu werden – konkret: „Letzte Ernte“ war wie eine Dokumentation über Äpfel, in der etwas Kriminalität stattgefunden hat –, versucht „Erika Mustermann“ einen ähnlichen Ansatz, der aber etwas weniger funktioniert.

Im Fokus des Falls aus Berlin stehen zwei sehr unterschiedliche Dinge: Venezuela und die Bundesdruckerei. Wie diese Dinge zusammenhängen, muss jeder und jede für sich selbst herausfinden, aber eine wichtige Sache sei angemerkt: Der „Tatort“ klassifiziert in den ersten paar Sekunden, dass die Regeln der Fiktion angewandt wurden, um die Bundesdruckerei passgenau zum „Tatort“ des Berliner „Tatorts“ zu machen. Auch wenn nicht alles rund um die Bundesdruckerei vollends akkurat ist, bekommt man dennoch Lust, im Nachhinein mehr über diese deutsche Institution zu lernen.

„Erika Mustermann“: V wie Venezuela

Dasselbe gilt auch für Venezuela. Ich muss offen und ehrlich zugeben, dass ich nicht viel über dieses südamerikanische Land weiß, dennoch fühlt sich die Darstellung etwas einseitig an. „Erika Mustermann“ stellt dieses Land als korruptes und kriminelles Molloch dar, aus dem man unbedingt herausmuss – ergo: die Hölle auf Erden. Ob das stimmt, muss man im Nachhinein selbst herausfinden. So oder so könnte man – wie im Falle der Bundesdruckerei – auch anmerken, dass eine einseitige Darstellung Venezuelas stattgefunden hat, um einen interessanteren Kriminalfall zu erzählen …

Mark Waschke: Ein Mark, der sich ge-Waschke-n hat

Auch wenn „Das Mädchen, das allein nach Haus‘ geht“ ein wirklich toller Fall war, gab es ein großes Problem: Mark Waschke. Selbstverständlich hatte der Schauspieler unfaire Chancen, denn wer kann schon mit Meret Becker mithalten? Aber das ist ja keine Entschuldigung für schlechte Schauspielkunst.

Jetzt, wo Meret Becker nicht mehr im „Tatort“ mitspielt, kann Mark Waschke glänzen – für seine Verhältnisse. Er hat eine sehr gute Chemie mit Corinna Harfouch und fällt weniger negativ auf. Klar, hat er die übliche „Tatort“-Ermittlerkrankheit, hier und dort einen referenziellen Spruch („Oh, wie schön ist Panama“) drücken zu müssen, aber das schmälert seine Leistung in „Erika Mustermann“ nur minimal. Gibt es bessere Ermittler? Ja. Gibt es schlechtere Ermittler? Ja.

Spannung aus Berlin

Ein letzter Vergleich zu „Das Mädchen, das allein nach Haus‘ geht“: Besagter Fall war vor allem im letzten Drittel unfassbar spannend – und dasselbe gilt auch für „Erika Mustermann“. Doch es gibt hier einen klaffenden Unterschied: Statt nur in den letzten dreißig Minuten spannend zu sein, zieht sich die Spannung im aktuellen Berliner Fall eher daraus, zuzusehen, wie Karo und Bonard langsam, aber sicher realisieren, was überhaupt los ist. Und sobald der (etwas offensichtliche) Groschen gefallen ist, hängt man beunruhigt vor dem Bildschirm und hofft, dass (wie immer) alles gut ausgeht.

Mein Fazit: Es lohnt sich, für den Hauptstadtfall einzuschalten

Der Berliner Tatort „Erika Mustermann“ ist jenseits der Schandflecke, die uns bereits in dieser Saison geboten wurden. Selbstverständlich hängt der Fall stellenweise durch, aber dafür werden so unnötige Dinge wie Charakterdrama oder ein bemüht aktueller Bezug ausgespart. Es lohnt sich allein für das einzuschalten, was man optisch geboten bekommt. Damit ist „Erika Mustermann“ wie ein bildgewordener Besuch der Hauptstadt: stressig, hier und dort optisch durchaus ansehnlich, aber auch charmant und lehrreich.