„Wer nicht am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel“

„Usedom-Krimi“-Star Katrin Sass spricht offen wie nie über ihre Alkoholsucht und ihre Rollen

Schauspielerin Katrin Sass begeistert heute Abend im neuen „Usedom-Krimi“ im Ersten. Mit 68 Jahren blickt sie auf ein bewegtes Leben zurück und spricht offen über ihre Rollen, ihren Entzug und ihre Rückkehr in die Heimat Schwerin.

Katrin Sass sitzt bei der Talkshow „3nach9“ im Studio von Radio Bremen und spricht über ihr Leben, ihre Karriere und den „Usedom-Krimi“.
Katrin Sass in der Radio-Bremen-Talkshow „3nach9“ im Studio an der Schlachte – offen, ehrlich und ganz bei sich. Foto: IMAGO / Future Image

Wenn Katrin Sass heute Abend im Usedom-Krimi als ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow auftritt, sehen die Zuschauerinnen und Zuschauer eine Frau, die mit 68 Jahren nichts von ihrer Kraft, Direktheit und Präsenz verloren hat. Seit Jahrzehnten prägt sie das deutsche Fernsehen und verleiht ihren Rollen diese besondere Authentizität, die sie so unverwechselbar macht.

„Ich muss die Rolle zu mir ziehen“

Sass gehört zu jenen Schauspielerinnen, die eine Figur nicht einfach spielen. Sie macht sie sich zu eigen. „Ich muss eine Rolle zu mir ziehen und sie zu meiner machen, sonst kann ich sie nicht glaubwürdig verkörpern“, erklärte sie in einem Interview mit der „Goldenen Kamera“. Besonders wichtig ist ihr, dass ihre Rollen natürlich wirken. „Karin Lossow muss meine Sprache sprechen, damit das Publikum sie als normalen Menschen akzeptiert und nicht als Figur empfindet, die auswendig gelernte Texte aufsagt.“

Vor kurzem wurde sie mit der Goldenen Henne für ihr Lebenswerk ausgezeichnet – ein Moment, der sie tief bewegte. Die Laudatorin sagte über sie: „Man könne bei ihr oft nicht unterscheiden, ob es sich um eine Rolle oder um sie selbst handelt.“ Genau das ist es, was Sass ausmacht: absolute Echtheit.

„Wer nicht am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel“

Katrin Sass hält die Goldene Henne in den Händen und lächelt – Auszeichnung für ihr beeindruckendes Lebenswerk.
Katrin Sass wurde bei der Verleihung der Goldenen Henne 2025. Sie wurde für ihr Lebenswerk ausgezeichnet – eine der größten Ehrungen ihrer Karriere. Foto: IMAGO / APress

In ihrer Dankesrede zitierte sie einen Satz, der ihr Leben treffend beschreibt: „Wer nicht am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel.“ Sass hat diesen Abgrund erlebt – und ist daran gewachsen.

Im ZDF-Film „Im Rausch“ (2025) spielte sie sich selbst: eine trockene Alkoholikerin. Der Regisseur Mark Schlichter bot ihr die Rolle an, und sie nahm sie ohne Zögern an. „Ich sollte mich also selbst spielen“, sagte sie. Für sie war das kein Tabubruch, sondern ein wichtiger Schritt. „Ich mache das seit 20 Jahren. Anfangs habe ich Ausreden gesucht, um zu erklären, warum ich keinen Alkohol möchte. Heute sage ich einfach: Ich bin Alkoholikerin. Das war wie eine Befreiung.“

Der Entzug als zweite Geburt

Ihre Alkoholsucht begann in der DDR-Zeit während der Schauspielausbildung und begleitete sie über 20 Jahre. 1998 kam der Wendepunkt. „Ich hatte einen wichtigen Drehtag und deshalb nichts getrunken. Ich bekam einen Krampfanfall und wachte im Krankenhaus auf. Das war meine zweite Geburt“, sagt Sass. Der 22. Juli 1998 ist bis heute ihr besonderer Tag, den sie jedes Jahr feiert.

„Der Entzug war die Hölle“, erinnert sie sich. „Aber das ist eine Entscheidung, die du alleine treffen musst.“ Seitdem ist sie trocken und spricht offen über ihre Vergangenheit – auch wenn das manche irritiert. „Weil sich das anscheinend nicht schickt, und als Schauspielerin schon gar nicht. Aber genau deshalb tue ich es.“

Ein neues Zuhause in Schwerin

Privat hat Katrin Sass Berlin hinter sich gelassen und ist in ihre Heimat Schwerin zurückgekehrt. „Mein Möbelwagen ist im Modderdreck steckengeblieben, da kam mein Nachbar mit einem Seil und half. In Berlin hätten sie nur hinter den Gardinen geguckt“, erzählt sie lachend.

Sie liebt das Leben am Wasser und die Ruhe im Norden. „Die Leute sagen, ich sei nicht mehr so aufbrausend, aber ich habe davon noch nichts gemerkt.“ Die Ruhe genießt sie heute allein. Nach ihrer Ehe mit dem Regisseur Siegfried Kühn, die von 1991 bis 2007 dauerte, lebt sie derzeit ohne Partner. Sass wirkt zufrieden mit sich und ihrem Leben – so frei und unabhängig wie ihre bekannteste Rolle.

Der neue „Usedom-Krimi“ mit Katrin Sass läuft heute Abend um 20:15 Uhr im Ersten.

Quellen

  • “3 nach 9“ (17.10.2025)