„Tatort“ heute: Von Lieblingsfällen und Moral – Interview mit Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher
Wie ist es eigentlich im „Tatort“ zu ermitteln – und sind damit irgendwelche Herausforderungen verbunden? Anlässlich des neuesten Zürich Falls „Könige der Nacht“ haben wir uns mit Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher für ein Interview zusammengesetzt …

Mit „Könige der Nacht“ kommt die „Tatort“-Saison 2025/26 zu einem Ende – und für diesen besonderen Anlass werden die Zürcher Ermittlerinnen Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher aufs Feld geschickt. Wir haben den letzten „Tatort“ vor der Sommerpause genutzt, um mit den Damen, die sonst Fragen beantworten, etliche Fragen zu stellen – von den Lieblingsermittlerin bis hin zu Stuntarbeit.
Am Anfang ist das Ende – Meinungen zu dem kontroversen „Tatort“-Finale
Kretzer: Ohne zu viel zu verraten, aber wie steht ihr zu dem Ende des Falls? Findet ihr, dass das Verhalten eurer Figuren zu dem passt, wie ihr diese Figuren bis dato wahrgenommen habt?
Carol Schuler: Wir haben sehr lange darüber diskutiert, wie dieser Fall enden soll. Man muss allen Figuren gerecht werden. Man überlegt, was man eigentlich erzählen will und was die eigene Haltung zu dem Thema ist. Und gerade bei dem Thema Asyl, finde ich es wichtig zu versuchen die Lebensrealität der Betroffenen zu verstehen. Ein Happy End wäre leider nicht realistisch gewesen. Man darf nicht vergessen, dass Tessa und Isabelle trotzdem Polizistinnen und somit Teil des Systems sind, welches Menschen wie Moya ausgrenzt. Ich finde es ins diesem Fall richtig, das Ende offen zu lassen, weil es Raum für Diskussionen lässt. Und am Ende bleibt natürlich die Frage, ob die Kommissarinnen alles in ihre Macht stehende getan haben um Moya zu helfen?
Kretzer: Bei Fällen, die derartig realistische Inhalte und Themen behandeln, läuft man da Gefahr, die Rolle mit nach Hause zu nehmen?
Carol Schuler: Ich bin jetzt nicht die Person, die Charakter nach dem Dreh nicht abschütteln kann. Was das Thema angeht, ist das was anderes. Das Thema Flucht und Asyl ist, unabhängig vom „Tatort“, etwas, was mich viel beschäftigt. Asylsuchende leben oft in einer Art Parallelgesellschaft. Deswegen haben wir bei diesem Drehbuch auch so viel diskutiert, weil es mir wichtig war, dass man das versucht möglichst realitätsnah darzustellen. Am Ende des Tages ist Der Tatort natürlich immer noch ein Krimi und kein Sozialdrama oder Dokumentarfilm, aber trotzdem hat man eine Verantwortung, sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen.
Anna Pieri Zuercher: Ja, selbst im Rahmen eines Krimis kann der „Tatort“ dazu beitragen, komplexe Realitäten sichtbar zu machen und eine differenziertere Auseinandersetzung beim Publikum anzustoßen.
Action? Stunts? Ja, bitte … oder?
Kretzer: Apropos Meinungen: Seid ihr unter Anbetracht des Aufwands und der potenziellen Risiken für mehr Stunts oder Action in euren Fällen oder eher weniger?
Carol Schuler: Ich bin auf jeden Fall für mehr (lacht). Erstens, weil es unfassbar viel Spaß macht, und zweitens, weil wir sehr gute Stuntleute in der Schweiz haben. Am liebsten würde ich meine Stunts selbst machen, und bis zu einem gewissen Grad darf ich das auch. Aber wenn es zu gefährlich wird, dann lassen wir die Profis ran.
Kretzer: Was ist das Gefährlichste, was du bisher tun durftest?
Carol Schuler: Das war zwar nicht für den „Tatort“, aber für einen anderen Film bin ich in Köln zehn Meter in die Tiefe gesprungen. Ich war selbstverständlich gesichert, aber war trotzdem im freien Fall. Das habe ich geliebt.
Anna Pieri Zuercher: Ich habe leider Höhenangst. Deswegen ist es für mich nicht allzu lustig, solche Stunts zu machen. Trotzdem nehme ich mich Stuntarbeit immer gerne an. Wir arbeiten unter anderem mit Oliver Keller zusammen, der ein grandioser Stuntman ist und auch viel in Hollywood gearbeitet hat. Am liebsten hätten wir gerne mehr Action-Szenen.
Carol Schuler: Im „Tatort“ wird häufig sehr viel geredet und gedacht. Wenn wir uns bewegen dürfen, dann freuen wir uns.
Ludwigshafen, Frankfurt oder Saarbrücken: Welches „Tatort“-Team ist das Beste?
Kretzer: Ich weiß nicht, wie euer Bezug zum „Tatort“ außerhalb eurer Arbeit an der Reihe ist, aber hattet beziehungsweise habt ihr ein liebstes Ermittler-Team?
Carol Schuler: Ich war schon immer ein großer Frankfurt-Fan – auch vom alten Team rund um Wolfram Koch und Margarita Broich, weil ich die beiden sehr mag. Das war bis dato immer mein Lieblingsteam, aber ich muss sagen, dass auch das neue Team aus Frankfurt einen wahnsinnig tollen Einstand hatte. Edin Hasanovic und Melika Foroutan sind sehr tolle Kolleg:innen.
Anna Pieri Zuercher: Das alte Team aus Berlin war wirklich super …
Carol Schuler: … und die Saarbrücker Jungs mögen wir auch.
Anna Pieri Zuercher: Und es gibt diese zwei Frauen. Die machen manchmal sogar
etwas Horror …
Kretzer: … Odenthal und Stern aus Ludwigshafen?
Anna Pieri Zuercher: Genau!
Kretzer: Und was eure eigenen Fälle angeht, habt ihr da einen, der als klarer Favorit heraussticht?
Carol Schuler: Ich habe einen klaren Favoriten und ich glaube, dass wir beide auch denselben Favoriten haben.
Anna Pieri Zuercher: Definitiv.
Carol Schuler: Carol Schuler: Unser Lieblingsfall ist „Von Affen und Menschen“ (2023). Der Fall war einfach anders. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Michael Schaerer war toll und er hat uns in unserem Spiel freie Bahn gelassen. Und es gab diese absurde Ebene, die wir sehr genossen haben.
Anna Pieri Zuercher: Für mich ist aber auch noch „Fährmann“ herausgestochen. Ich finde vor allem die Fälle interessant, in denen unsere Figuren neue Facetten besitzen. Wenn man mal mit Geheimnissen spielt, oder wie in „Von Affen und Menschen“ mit der humoristischen Seite von Grandjean und Ott spielt, dann habe ich sehr viel Gefallen daran.
Carol Schuler: „Von Affen und Menschen“ war auch ein Kritikerliebling.
Anna Pieri Zuercher: Am Ende des Tages ist es auch immer eine Frage des Geschmacks. Es ist auch wichtig, das Publikum zu überraschen …
Carol Schuler: Carol Schuler: … egal, ob sie es mögen oder nicht. Ansonsten hätten wir nur noch Serien, die nach Schema F ablaufen. Schnell konsumierbare Inhalte sind der Tod jeder Kunst. Ab und zu muss man auch mal was wagen, macht der Job auch irgendwann keinen Spass mehr.
Die Zukunft des Zürcher „Tatort“
Kretzer: Am Ende hat der „Tatort“ ja auch einen Event-Charakter und zu dem gehört unweigerlich auch ihr beide.
Anna Pieri Zuercher: In der französischen Schweiz, wo ich herkomme, gibt es diese Tradition des 90-minütigen Sonntagskrimis, den alle gemeinsam schauen, nicht wirklich. Ich finde es deshalb etwas sehr Schönes und Besonderes, dass der ‚Tatort‘ am Sonntagabend so viele Menschen zusammenbringt. Das ist etwas Wertvolles.
Carol Schuler: Man darf auch die soziale Komponente nicht vergessen. In Deutschland oder auch in der Schweiz gibt es weiterhin etliche Public-Viewing-Veranstaltungen. Das finde ich großartig.
Kretzer: Wisst ihr schon, wann ihr mit dem nächsten Fall zurückkehren werdet?
Carol Schuler: Der kommende Fall ist bereits abgedreht und trägt den Arbeitstitel „Schuldig“. Voraussichtlich geht es dann im Herbst mit Grandjean und Ott weiter.
Kretzer: Wird Noah trotz der Upskilling-Andeutungen in „Könige der Nacht“ auch wieder dabei sein?
Carol Schuler: Noah Löwenherz? Selbstverständlich. Ob er will oder nicht, er ist an uns gebunden (lacht).
Umgang mit Kritik – beziehungsweise gibt es die überhaupt?
Jonas Kretzer, Redakteur bei TVMovie: Unsere Community bei TVMovie reagiert häufig sehr angespannt beziehungsweise kritisch auf eure Fälle. Bei mir ist das anders. Ich mag eure Episoden sehr gerne. Generell wirft das aber folgende Frage auf: Seht ihr euch häufiger Kritik ausgesetzt oder wie nehmt ihr das Echo wahr?
Carol Schuler: Als Schauspielerin kommt das mit dem Job, dass man Kritik ausgesetzt ist – das fängt meist schon beim Casting an. Das heißt, dass wir es gewohnt sind und es eigentlich nicht an uns ranlassen.
Anna Pieri Zuercher: Und die Kritik richtet sich oft gar nicht direkt an uns als Schauspieler, sondern eher an die jeweilige Folge insgesamt, je nachdem, wie sie beim Publikum ankommt.
Kretzer: Und in Bezug auf den „Tatort“ ist euch so etwas bis dato auch nicht passiert?
Carol Schuler: Also die Personen, die wir live treffen, sind zu 99 % positiv.
Anna Pieri Zuercher: Also mir ist es noch nie passiert, dass jemand auf mich zugekommen ist und mir gesagt hat, dass er den Schweizer „Tatort“ nicht mag. Es ist eher das Gegenteil.







