Fackeln im Sturm

„Tatort“ heute: Feuer und Flamme oder doch eher Glimmer und Glut? Kritik zum Frankfurter Fall „Fackel“

Ein jahrealter Brand erschüttert das Frankfurter „Tatort“-Team – und zeigt dabei zum ersten Mal Schwächen …

Hamza Kulina (Edin Hasanovic) und Maryam Azadi (Melika Foroutan) stehen vor der Tür eines Wohnhauses.
Ein Brand vor fünf Jahren stellt die Frankfurter-Ermittler vor ein Rätsel – vor allem Kulina (Edin Hasanovic, l.), auf dem diesmal der Fokus liegt. Foto: HR/ARD Degeto Film/Sommerhaus/Philipp Sichler

Kaum ein „Tatort“-Duo ist derzeit so beliebt wie das Frankfurter Team rund um Azadi und Kulina. Das zeigt nicht nur die generell positive Stimmung des Publikums, sondern auch das Kritiker-Echo, denn jüngst gewann das Team für den ersten Fall „Dunkelheit“ den Grimme-Preis. Pünktlich zum Preisgewinn meldet man sich mit dem neuesten Fall „Fackel“ zurück, der unerwartet anders ist – sowohl im Positiven als auch im Negativen.

„Fackel“: Frankfurter „Tatort“ thematisiert einen Hochhausbrand

Ermittler Kulina (Edin Hasanovic) begegnet auf dem Weg zu seiner Mutter seiner Ex-Freundin Almila (Seyneb Saleh), die dort eine Mahnwache für die 13 Toten eines Hochhausbrandes hält – mit dabei auch ihre Mutter. Verzweifelt bittet sie ihren ehemaligen Partner, sich die Umstände des Brandes noch einmal genauer anzusehen. Nach einer schlaflosen Nacht fallen Kulina tatsächlich etliche Ungereimtheiten auf, die ihm von Ermittlerin Azadi (Melika Foroutan) bestätigt werden. Ihre Ermittlungen führen das Duo in Richtung eines vermeintlichen Suizids, der mit dem Baumanager Steffen Böttcher (Stephan Luca) zusammenhängen könnte – ebenjener Böttcher, der derzeit für den Hochhausbrand verantwortlich gemacht wird.

Was tun, wenn’s brennt? „Tatort“ begeistert mit imposanten Bildern

Eine Sache versteht man im Frankfurter „Tatort“ sehr gut: die Zuschauerschaft gleich in den ersten paar Minuten in den Bann zu ziehen. Schon der Fall „Dunkelheit“ wusste, wie man das Publikum abholt, und hat damals stimmungsvoll alte Archivbilder mit anderen Eindrücken vermengt.

In „Fackel“ funktioniert das ganz ähnlich, denn das Budget wird gleich am Anfang „verbrannt“, um den Hochhausbrand in der fiktiven Goliath-Siedlung zu inszenieren. Auf Nachfrage bei der verantwortlichen Pressestelle wurde uns bestätigt, dass der Brand in den Außenaufnahmen mithilfe von Computereffekten erstellt wurde, während das Feuer in der Wohnung inszenierte sowie praktische Studioeffekte sind. Vergleicht man das mit dem Feuer aus dem Dortmunder Fall „Feuer“, welches damals nicht einmal gezeigt wurde, lässt sich schon klar erkennen, dass entweder einige Budgetunterschiede existieren oder das Wort Passion in Dortmund auf die leichte Schulter genommen wird.

Von A bis E: Was passiert, wenn Tom Schilling einen „Tatort“ schreibt?

Ich musste zweimal hinsehen, bevor ich glauben konnte, dass der Schauspieler Tom Schilling mitverantwortlich für den dritten Frankfurter „Tatort“-Beitrag ist. Und augenscheinlich scheint er auch ein Talent für Drehbücher mitzubringen – wenn auch mit einigen Abstrichen bei der B-Note.

Es gibt in der Mitte des Falls eine Szene, die recht bezeichnend für das Gesamtgeschehen ist. In der Rekonstruktion eines Suizids wird durchgegangen, wo das Opfer vor dem Selbstmord war. Man sieht, dass es sich von Punkt A bis E bewegt hat und mehrfach hin- und hergefahren ist, bevor es am Ziel ankam. So ähnlich verhält es sich mit „Fackel“ selbst, denn die meiste Zeit sieht man Kulina und Azadi bei den Ermittlungen zu – was per se nichts Schlechtes ist, da die Ermittlungen in den meisten „Tatort“-Fällen mittlerweile untergehen –, aber das Duo schlägt immer wieder an denselben Orten auf und dreht sich auch etwas im Kreis. Und so sehr man den realistischen Ansatz in Frankfurt mag, hatte ich das Gefühl, dass wir noch zwei Schritte davon entfernt waren, zu sehen, wie Kulina einen Antrag ausfüllen muss.

Hamzas Inferno: Edin Hasanovic begeistert … nicht durchgehend

In „Dunkelheit“ und „Licht“ stand noch Ermittlerin Azadi im Vordergrund, die stets grundsolide von Melika Foroutan porträtiert wurde. Doch in „Fackel“ rückt sie etwas in den Hintergrund und lässt Kulina und somit auch Edin Hasanovic mal machen, was in mal mehr und mal weniger gutem Schauspiel mündet.

Vorab sei angemerkt, dass Hasanovic niemals so sehr ins Klo greift wie zum Beispiel das Team aus Bremen. Aber trotzdem gibt es Szenen, in denen der Schauspieler entweder mehr versucht, als er kann, oder schlichtweg einen zweiten oder dritten Take gebraucht hätte. Insbesondere fällt dieser Umstand im Zusammenspiel mit Foroutan auf, die, gelinde gesagt, einfach stärker spielt als er. Man muss im Auge behalten, ob das ein einmaliges Phänomen ist, da „Licht“ und „Fackel“ auch direkt hintereinander gedreht wurden und das eine Mehrbelastung sein könnte, oder ob sich das Muster auch durch zukünftige Fälle zieht.

Fazit: Frankfurt hält die „Fackel“ hoch – aber zeigt erste Schwächen

Trotz all der Kritik muss man sagen, dass sich „Fackel“ weiterhin auf einem extrem hohen Niveau befindet – zumindest für „Tatort“-Verhältnisse. Das Gimmick, alte Fälle aufzulösen, hat sich bisher, wie eingehend vermutet, noch nicht kannibalisiert und lässt hoffen, dass man auch in Zukunft mit Azadi und Kulina durch „die Zeit reisen“ darf. Mit dem Grimme-Preis im Rücken wird aus Hoffnung aber auch schon viel eher Klarheit, denn wieso sollte die ARD Frankfurt jetzt ruhen lassen?