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„Tatort“ heute: Doppelt so lang und zweimal so schlecht – Kritik zu den Fällen „Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“ mit Wotan Wilke Möhring

Wotan Wilke Möhring ist als Thorsten Falke in einer Doppelfolge zurück. Wir verraten in unserer Kritik, wo es den alteingesessenen Kommissar hinführt und ob dieses neuartige „Tatort“-Experiment etwas taugt.

Von links nach rechts: Wotan Wilke Möhring, Denis Moschitto und Gaite Jansen laufen zielstrebig nach vorn.
Trio mit sechs Fäusten: Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring, l.) ermittelt mit Mario Schmitt (Denis Moschitto) und Lynn de Baer (Gaite Jansen, r.) in den Niederlanden. Foto: NDR/Georges Pauly

Zwei neue „Tatort“-Fälle an einem Abend und dann auch noch mit demselben Ermittlerteam – ist denn schon Weihnachten? Augenscheinlich nicht, denn wenn man die allererste „Tatort“-Doppelfolge mit Wotan Wilke Möhring unter dem Baum finden würde, wäre man sich nicht zu schade, nach dem Beleg zu fragen, um diese wieder zurückzugeben. Warum dieses neuartige „Tatort“-Experiment gar nicht funktioniert …

„Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“: Handlung

Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) treibt es in die Niederlande, denn dort im deutsch-niederländischen Grenzgebiet ist der Autohändler Joe Glauning (Andrei Viorel Tacu) verschwunden. Die Suche nach Glauning führt Falke in die Welt des Drogenhandels und der Mafia. Umso besser, dass das Urgestein unter den Kommissaren den Cyber-Kriminalisten Mario (Denis Moschitto) und Kommissarin Lynn de Baer (Gaite Jansen) an seiner Seite hat.

Es will nicht aufhören und tut es leider auch nicht: Woran die „Tatort“-Doppelfolge scheitert

Egal, ob guter oder schlechter „Tatort“, aber 90 Minuten bin ich persönlich immer froh, dass die sonntägige ARD-Krimiunterhaltung vorbei ist. Noch nie hat ein Fall in mir den Wunsch ausgelöst, im Anschluss einen weiteren Fall mit demselben Team zu sehen. Das scheint man aber beim Ersten Deutschen Fernsehen anders zu sehen, denn nun wurde mit „Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“ das Experiment einer „Tatort“-Doppelfolge gewagt und hat sich intern augenscheinlich bewährt. Denn bevor dieses doppelte Fiasko überhaupt ausgestrahlt wurde, hat man sich entschlossen, denselben Ansatz für den letzten Fall mit den Münchener Ermittlern Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu wählen.

Ob die Münchener dieses Experiment überstehen, wird sich später herausstellen, aber Falke und die anderen Vögel sind gnadenlos gescheitert. Wenn man eine dreistündige Geschichte erzählt, dann sollte man im besten Falle eine Sache mitbringen: eine Geschichte. Selten ist in drei Stunden so wenig passiert – außer vielleicht in „Avatar: Fire and Ash“. Aber woran liegt das?

Die Folge der Folge: „Schwarzer Schnee“ sieht im Vergleich zu „Ein guter Tag“ blass aus

Vorab: „Ein guter Tag“ ist nicht das Nonplusultra der modernen „Tatort“-Erzählungen, aber der Fall hat „Schwarzer Schnee“ immerhin voraus, dass er einen narrativen Vorbau mitbringt. Hier sieht man wenigstens das Budget: Autoverfolgungsjagden, Schusswechsel, Explosionen. Diese Produktion ist mindestens so gut finanziert wie ein Fall aus Berlin. Spannung kommt zwar trotzdem selten auf, aber immerhin langweilt man sich in den ersten 90 Minuten nicht zu Tode. Und dann kommt „Schwarzer Schnee“ …

Das Pacing ist missraten: Während in „Ein guter Tag“ so gut wie alle Spannungsmomente passieren, bringt die zweite Hälfte des „Tatort“-Doppels nichts mit, was irgendwie interessant wäre – außer vielleicht einen Storystrang, der stark an „Fight Club“ (1999), aber noch viel eher an „Zwielicht“ (1996) erinnert. „Schwarzer Schnee“ bekommt eben die undankbare Aufgabe, alle Fässer, die in „Ein guter Tag“ aufgemacht wurden, wieder zu schließen. Und das wird zwar gemacht, aber gleichzeitig macht „Schwarzer Schnee“ so viele eigene Geschichten auf, dass man als Zuschauer oder Zuschauerin nach 180 Minuten sogar mit einem offenen Ende zurückgelassen wird. Dargestellt wird das so, als würde man allen Lust auf mehr machen wollen, aber in Wirklichkeit zeigt man damit einfach nur, dass man sich akut verhoben hat.

Der Fluch des Falke(n): Schlechte schauspielerische Leistungen

180 Minuten bieten scheinbar nicht genügend Raum, um eine gute Geschichte zu erzählen, aber für schlechtestes Schauspiel jeglicher Art war augenscheinlich genug Platz. So zum Beispiel Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring, der zwar noch nie durch schauspielerische Glanzleistungen („Goldene Zeiten“ (2006) ausgenommen) aufgefallen ist, aber hier eine gefährliche Mischung aus Overacting und Narkolepsie anwendet. Wenn Falke wütend ist, dann brüllt er – und zwar richtig laut. Da Wotan Wilke Möhring Wut aber nicht wirklich einfangen kann, hat man es eigentlich nur mit einem Mann zu tun, der brüllt. Generell kann man eine Bandbreite der Emotionen bei unserem Hauptdarsteller lange suchen … obwohl Thorsten Falke fairerweise nie als sonderlich tiefgehender Charakter angelegt war.

Dann wäre da noch Yasin El-Harrouk als Bösewicht Karim Saidi. Ebenso wie Möhring ist El-Harrouk durchaus ein charismatischer Sympathieträger, aber das Drehbuch macht aus jemandem, der sicherlich in der Lage wäre, eine nuancierte Darstellung eines Bösewichts abzugeben, das klischeehafte Abziehbild eines größenwahnsinnigen Sohnes eines Mafiabosses. Ist es unterhaltsam, dabei zuzusehen? Ja. Ist es dennoch mehr als anstrengend? Ebenfalls ja.

Mario und die Baer: Zwei Lichtblicke im „Tatort“-Doppel

Von links nach rechts: Denis Moschitto hat ein Fernglas in der Hand. Neben ihm stehen Wotan Wilke Möhring und Gaite Jansen.
Sympathieträger: Denis Moschitto (l.) und Gaite Jansen (r.) begeistern in ihren Rollen. Foto: NDR/Georges Pauly

Denis Moschitto ist sympathisch … und generell war der 48-Jährige schon immer gut in dem, was er tut. Der Mann ist ein Charakterdarsteller und weiß, was er tut. Ob die Darstellung seines mehr oder weniger autistisch veranlagten Charakters Mario Schmitt zwar eine akkurate Darstellung all jener Menschen darstellt, die tatsächlich auf dem Spektrum sind, kann man infrage stellen, aber das ist auch irgendwie egal – denn Moschitto trägt mit seinen kleinen Humorspitzen die Szenen, in denen er zu sehen ist.

Weniger lustig ist zwar Gaite Jansens Lynn de Baer, aber immerhin funktioniert diese in Kombination mit Moschitto so gut, dass ich viel lieber den beiden beim Ermitteln zusehen wollen würde. Es gibt in „Schwarzer Schnee“ eine Szene, in der die beiden einen Charakter vor ein furchtbares Ultimatum stellen, und das war derartig gut eingefangen, dass man kurz im Glauben gelassen wird, dass „Schwarzer Schnee“ eine Daseinsberechtigung hätte.

Ein Epos, aber trotzdem nicht episch: Fazit zu „Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“

Ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich fast jede Woche hier schreibe, dass der „Tatort“ experimenteller und origineller werden sollte und eben nun ein solches Experiment erschienen ist, was ich aber nicht gut finde. Aber ist es überhaupt ein Experiment, wenn man dasselbe wie immer macht, nur doppelt so lang?

Meiner Meinung nach sind „Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“ absolute Geduldsproben, mit denen man sich durchaus den Abend versauen kann. Deswegen ein gut gemeinter Rat: Statt seinen Sonntagabend damit zu verschwenden, diesen Quatsch mit Überlänge zu unterstützen, kann man seine Zeit in Dinge investieren, die schönerer Natur sind. So kann man zum Beispiel gemeinsam den Weihnachtsbaum schmücken, die letzten Geschenke einpacken oder einfach um 20:15 Uhr schlafen gehen – denn spannender wird es nach der Tagesschau nicht mehr.