Hit in den Streaming-Charts – aber warum?

„Unchosen“ auf Netflix frustriert: Deshalb ist die Serie in Wahrheit unfassbar schlecht!

Die neue Netflix-Serie „Unchosen“ erobert die Charts im Sturm – doch hinter dem Hype verbirgt sich ein Thriller, der an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Trotz starker Idee bleibt am Ende vor allem Frust.

Eine Collage zeigt verschiedene Szenen mit Rosie, Adam, Sam und Grace aus der neuen Netflix-Serie Unchosen.
Der neue Netflix-Hit „Unchosen“ bringt alles mit, was eine gute Serie braucht – und enttäuscht dennoch auf ganzer Linie. Woran liegt das? Foto: Netflix

Es gibt Serien, die schießt Netflix scheinbar direkt an die Spitze – und man sitzt davor und fragt sich nach ein paar Folgen ernsthaft: Warum eigentlich?

„Unchosen“, seit dem 21. April 2026 verfügbar, ist genau so ein Fall. Schnell landete die Serie auf Platz 1 und viel Aufmerksamkeit, die für eine Art Sogwirkung sorgt und immer mehr Menschen zu Streamen annimiert. Ein Thema, das eigentlich unter die Haut gehen müsste. Eine junge Mutter in einer abgeschotteten religiösen Gemeinschaft trifft auf einen Fremden, beginnt eine Affäre, gerät ins Wanken – das klingt nach intensivem Psychodrama.

Mittlerweile wurde „Unchosen“ von „Man on Fire“ der Rang abgelaufen. In der Netflix-Top-10 hält sich der 6-teilige Thriller aber seit Wochen hartnäckig. Wir gehen auf Spurensuche, woran das liegen könnte. Daran, dass die Serie besonders gut ist, nämlich ganz sicher nicht!

„Unchosen“: Starke Idee, schwache Umsetzung!

Doch was als vielschichtige Auseinandersetzung mit Macht, Kontrolle und Selbstbestimmung angelegt ist, bleibt erstaunlich oberflächlich. Die Serie greift zwar Motive realer Gruppen wie der Plymouth Brethren auf, schafft es aber nie, daraus echte Tiefe zu entwickeln. Wer diese Sekte genau ist, wie sie funktioniert, woran ihre Mitglieder konkret glauben – all das bleibt diffus. Statt psychologischer Durchdringung gibt es Andeutungen, die ins Leere laufen. Selbst offensichtliche Widersprüche werden einfach stehen gelassen: Die Gemeinschaft schottet sich streng von äußeren Einflüssen ab, wozu unter anderem Smartphones und Fernseher gehören, aber Alkohol ist offenbar völlig okay. Warum eigentlich? Klar, der Anführer ist selbst alkoholabhängig, aber ob das wirklich der Grund ist, bleibt offen. Die Serie geht dem Widerspruch nicht nach – und genau das ist das Problem. Statt die naheliegenden Fragen zu stellen, lässt sie sie einfach liegen.

„Unchosen“-Darsteller:innen Opfer eines schlechten Drehbuchs?

Noch gravierender wird das Problem beim Casting. Asa Butterfield, der in „Sex Education“ mühelos komplexe Figuren trägt, wirkt hier schlicht fehlbesetzt. Seine Darstellung bleibt blass, teilweise unglaubwürdig – und vor allem gelingt es ihm nicht, das zentrale Spannungsfeld seiner Figur zu transportieren: den Widerspruch zwischen religiösem Fanatismus und eigener moralischer Selbstzweifel. Dabei wäre genau das der Kern gewesen. Stattdessen wirkt seine Figur oft wie eine leere Hülle, die durch ein ohnehin schwaches Drehbuch zusätzlich ausgebremst wird. Und ja: Auch ein guter Schauspieler kann gegen ein flaches Skript irgendwann nicht mehr anspielen.

Besonders deutlich wird das in einzelnen Schlüsselszenen. Wenn Rosie fliehen will und er sie plötzlich bereitwillig zum Bahnhof fährt, passt das schlicht nicht zu dem Mann, der zuvor Härte, Kontrolle und Manipulation verkörpern wollte und dabei wegen seiner eigentlichen Schwäche übers Ziel hinaus schoss. Diese abrupte Kehrtwende wirkt nicht wie Entwicklung, sondern wie Bequemlichkeit im Writing.

Dabei hätte es Ansätze gegeben: der Tod seines Bruders etwa, den er zuvor noch verraten und auf erbarmunglose Weise gequält hat, indem er ihm gewaltsam Alkohol einflößt – eine Szene, die ohnehin Fragen aufwirft. Sollte das eine Art Wahrheitsserum sein? Ein Akt der Bestrafung? Die Serie liefert keine Antwort. Und selbst das mögliche emotionale Nachbeben dieser Tat wird kaum aufgegriffen. Charakterentwicklung wird angedeutet, aber nie wirklich erzählt.

Unchosen: Aston McAuley als Isaac und Asa Butterfield als Adam.
Adam zwingt seinen Bruder Isaac, Unmengen an Alkohol zu trinken. Aber warum eigentlich? Foto: Netflix

Man erhofft sich Spannung – und beginnt schnell, sich zu langweilen

Auch Molly Windsor bleibt als Rosie hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ihre Figur soll eigentlich eine innere Befreiung durchlaufen, ein Erwachen, ein Aufbrechen alter Strukturen – doch all das wirkt erstaunlich blutleer. Die Emotionen bleiben auf Distanz, die Entscheidungen oft nicht nachvollziehbar. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass viele Figuren eher Funktionen erfüllen, statt als echte Menschen zu existieren.

Dabei wäre die Grundidee durchaus reizvoll gewesen. Gerade der Ansatz, dass Sam eben nicht der Befreier ist, sondern ein selbstsüchtiger Eindringling, der bestehende Strukturen nicht aufbricht, sondern für sich nutzt und zerstört, hätte eine spannende Dynamik entfalten können. Stattdessen verliert sich die Serie in einer Handlung, die mal träge vor sich hinläuft, dann wieder plötzlich Sprünge macht – aber selten wirklich greift. Viele Wendungen sind früh vorhersehbar, andere wirken völlig konstruiert, und echte Spannung will über weite Strecken einfach nicht aufkommen.

Ein gutes Ende für „Unchosen“ finden? Egal, Hauptsache fertig!

Achtung, es folgen Spoiler zum Ende der Serie!

Das Finale setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Dass Sam am Ende zum Anführer aufsteigt, wirkt weniger wie eine konsequente Entwicklung als wie ein erzwungener Twist, der schockieren soll, aber vor allem irritiert. So wie wir Rosie kennengelernt haben, wäre ihre erste Amtshandlung gewesen, den Behörden (anonym) Sams Aufenthaltsort zu nennen.

Was als düstere Geschichte über Machtmissbrauch und Manipulation hätte funktionieren können, endet in einem Abschluss, der sich eher nach „egal, Hauptsache fertig“ anfühlt. Offene Fragen bleiben bestehen, Figuren verschwinden aus der Erzählung, und das Gefühl, dass hier viel Potenzial verschenkt wurde, wird nur noch stärker.

Sam (Fra Fee) lässt sich in „Unchosen“ von Adam (Asa Butterfield) taufen, um sich in die Gemeinschaft einzuschleichen.
Sam (Fra Fee) lässt sich in „Unchosen“ von Adam (Asa Butterfield) taufen, um sich in die Gemeinschaft einzuschleichen. Foto: Netflix

Eine der schlechtesten erfolgreichen Serien auf Netflix

Dass „Unchosen“ trotz all dieser Schwächen aktuell auf Platz 1 der Netflix-Charts steht, überrascht trotzdem nicht ganz. Das Thema zieht, die Optik stimmt, und die Grundidee ist stark genug, um neugierig zu machen. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Hier klaffen Anspruch und Umsetzung weit auseinander.

Am Ende bleibt eine Serie, die viel verspricht, aber wenig einlöst. Ein Thriller, der intensiv sein will, aber selten berührt. Der provozieren möchte, aber kaum etwas zu sagen hat. Und vor allem einer, bei dem man sich nach der letzten Folge fragt, warum man eigentlich drangeblieben ist.

Wer trotzdem wissen möchte, wie es um Staffel 2 von „Unchosen“ steht: Die Entscheidung, ob die Netflix-Serie mit neuen Folgen fortgesetzt wird, ist noch nicht gefallen. Sie mag zwar schlecht sein, ist aber erfolgreich. Die Chancen stehen also „leider“ gut ...