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„Tatort“ heute: fabelhaft oder formelhaft? Kritik zum Dresdner Fall „Nachtschatten“

Startschuss für ein neues „Tatort“-Jahr – und den Beginn macht der Dresdner Fall „Nachtschatten“. Ob dieser ein gelungener Kriminalfall ist, verraten wir in unserer Kritik.

Martin Brambach (l.) und Cornelia Gröschel stehen vor einer Haustür. Zwischen ihnen steht eine Frau, die die Tür geöffnet hat.
Uneinigkeit macht sich breit: In „Nachtschatten“ haben Schnabel (Martin Brambach) und Winkler (Cornelia Gröschel) sehr unterschiedliche Ansichten. Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans

Neues Jahr, neues Glück – auch in Bezug auf den „Tatort“. Pünktlich zum Jahresbeginn schickt die ARD Winkler und Schnabel aus Dresden mit ihrem neuesten Fall „Nachtschatten“ ins Rennen. Und prinzipiell ist der Fall ganz nett, aber …

Handlung: Darum geht es in dem Fall „Nachtschatten“

Es wird ein junges Mädchen (Emilie Neumeister) mit einem blutverschmierten Skalpell aufgefunden und zur Polizei gebracht. Ermittlerin Winkler (Cornelia Gröschel) nimmt sich ihrer sofort an und findet heraus, dass ebenjenes Mädchen augenscheinlich ihr ganzes Leben in einem Keller von ihrem Vater eingesperrt wurde. Während Winkler der Geschichte glaubt, hat ihr Partner Schnabel (Martin Brambach) seine Zweifel daran. Dennoch ermittelt Winkler weiter – in der panischen Hoffnung, die ebenfalls eingesperrte Schwester des Mädchens (ebenfalls Neumeister) zu finden.

Dresden – schön wie eh und je: Optisch punktet „Nachtschatten“

Obgleich die letzten „Tatort“-Fälle inhaltlich überzeugen konnten, muss man ihnen allen anrechnen, dass sie optisch etwas mitgebracht haben – das gilt auch für die neueste Kriminaleskapade aus Dresden. Selbstverständlich sieht der Fall nicht so verspielt aus wie der vorhergehende Fall „Murot und der Elefant im Raum“, aber eine verspielte Art hätte ohnehin nicht zum doch eher düster angelegten Fall „Nachtschatten“ gepasst.

Was diesmal insbesondere auffällt, sind Drohnenaufnahmen – und die sehen imposant aus. Ob es nun Ermittlerin Winkler ist, die auf dem Dach des Dresdner Polizeipräsidiums über allen thront, oder Aufnahmen, die zeigen, wie sich eine Vielzahl an Polizeiautos vor einem möglichen „Tatort“ versammelt. Dazu gesellen sich interessant gewählte Szenenübergänge und andere Aufnahmen, die vom sonst so herkömmlichen Schuss-Gegenschuss abweichen.

Brambach und Gröschel lassen sich sehen: Schauspielerisch begeistert „Nachtschatten“ ebenfalls

Emilie Neumeister steht in der Mitte des Bildes und schreitet mit blutverschmierten Klamotten durch eine Menschenmenge.
Gone Girl: Emilie Neumeister begeistert diese Woche in einer Doppelrolle. Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans

Auch ohne Karen Hanczewski als Ermittlerin Gorniak funktionieren Brambach und Gröschel super als Schnabel und Winkler. Das liegt vor allem daran, dass sich ihre Rollen im Gegensatz zu vielen anderen „Tatort“-Ermittlern charakterlich stark unterscheiden. Um genau zu sein, ist das diesmal der zentrale Fokus: Winkler und Schnabel sind sich uneinig, weil die eine an das Gute im Menschen glaubt, während Schnabel die Dinge eher realistisch sieht. In dieser Hinsicht gibt es auch kein Recht oder Unrecht – traurigerweise stellt sich am Ende heraus, dass beide irgendwie richtig lagen.

Schauspielerisch sollte man aber auch Emilie Neumeister in ihrer Doppelrolle hervorheben. Man sieht der 26-Jährigen zwar leider an, dass sie nicht so jung ist, wie der für sie angelegte Charakter, aber das fällt eher weniger ins Gewicht, da sie dennoch eine sehr überzeugende, verängstigte Jugendliche spielen kann.

F wie Form oder doch eher Formel? „Nachtschatten“ hat ein großes Problem

Bevor man mich falsch versteht: Inhaltlich ist „Nachtschatten“ wirklich kein schlechter Fall … die Fälle aus Dresden sind ja generell recht spannend. Das Problem liegt viel eher darin, dass sich in Dresden ein Muster erkennen lässt – und das Muster heißt „Kinder“.

Während der Sichtung von „Nachtschatten“ fielen mir sofort zwei andere Dresdner Fälle auf, die dem Fall ähnelten. Der zuletzt erschienene Fall aus der Stadt, „Siebenschläfer“, spielte rund um einen traumatisierten Jungen im Kinderheim, während der Fall „Katz und Maus“ (2022) ebenfalls die Tochter eines Entführers in den Vordergrund stellte. Das ist alles schön und gut, aber dadurch fühlen sich die Fälle erstens sehr ähnlich an, und zweitens fällt dadurch in der Schreibe ein ganz anderes Problem auf …

Kein „Nachtschatten“ ohne seine Schattenseiten: Repetition in Dresden

Es läuft fast immer gleich ab: Eine der Personen rund um den Fall hat ein Trauma oder einen Schicksalsschlag erlitten, und um ein wenig „Charakterzeichnung“ passieren zu lassen, sind Schnabel und Winkler (früher auch Gorniak) dieselben Dinge oder ähnliche Dinge passiert. Dadurch fühlt es sich so an, als würde man Charakteren folgen, die in ihrer Geschichte derartig flexibel sind, dass es keinen Unterschied macht, ob sie nun in Dresden ermitteln oder nicht.

Ich bin mir bewusst, dass Winklers toter Bruder, der hier als emotionale Bindung zum Opfer genutzt wird, schon länger Teil des Charakters der Ermittlerin ist. Aber damit wird hier nichts gemacht: Winkler wirft es nur einmal in den Raum, so als wollten die Drehbuchautoren oder Autorinnen sagen: „Hey, wir haben nicht vergessen, dass Winkler einen Charakter hat.“ Ähnliches wurde auch schon in der letzten Folge mit Schnabel gemacht, der in den Fokus gestellt wurde, weil er – wie der mögliche Täter – auch in einem Kinderheim aufgewachsen ist. Zufälle gibt’s.

Fazit: „Nachtschatten“ ist gut, aber aus Dresden kann man mehr erwarten

Generell wird „Nachtschatten“ dieses Jahr nicht der schlechteste „Tatort“ des Jahres sein – um diesen Posten werden sicherlich viele andere ringen. Dennoch muss man langsam von alten Gewohnheiten loslassen und versuchen, einen Fall zu erzählen, der nicht auf vieles zurückgreift, was man bereits aus Dresden gesehen hat.

So bildet sich das Urteil, dass „Nachtschatten“ zwar grundsolide ist, aber auch seine Probleme mitbringt – insbesondere die Vorhersehbarkeit. Denn was bis dato unerwähnt blieb, ist, dass der neueste Fall aus Dresden zum Mitraten anregt, aber leider so leicht zu entschlüsseln ist, dass man den Fall in aller Voraussicht weitaus vor Schnabel und Winkler gelöst haben sollte …