Batic, Leitmayr … und Epstein?

„Tatort“ heute: Besiegen Batic und Leitmayr den Sexismus? – Kritik zum Fall „Königinnen“

Bolzenschussgeräte, sexuelle Belästigung und Batic, der sich mit Leitmayr ein Bett teilen muss: Im heutigen „Tatort“ ist einiges los. Aber reicht das aus, um den Sonntagabend zu retten?

Batic und Leitmayr schauen zu wie Kollege Kalli einer Produktkönigin einen Schuh anzieht.
Im Märchen sehen die Prinzen anders aus: Batic (Miroslav Nemec, r.) und Leitmayr (Udo Wachtveitl, m.) müssen unter „Königinnen“ ermitteln. Foto: BR/Odeon Fiction GmbH/Luis Zeno Kuhn

Ein Politikum unter dem Sonnenhimmel: Der heutige „Tatort“ ist eine Batic-und-Leitmayr-Wiederholung aus dem Jahr 2023 und setzt sich mit Sexismus und der MeToo-Debatte auseinander. Aber passt diese Thematik wirklich zu der ehemaligen Münchner Altherren-Brigade oder verhebt man sich bei den Bemühungen vollends?

„Königinnen“: Was im „Tatort“ heute passiert

Josef Gehrling (Wolfgang Fierek), Präsident des Bavaria-Bundes, wird mit einem Loch im Kopf in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Alles deutet darauf hin, dass er mit einem Bolzenschussgerät versucht haben soll, sich umzubringen. Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) fahren dementsprechend in das Dorf, in dem das Tagungshotel liegt, und staunen nicht schlecht, als sie dort auf bayerische Produktköniginnen treffen, die dort ihr Gipfeltreffen veranstalten.

Schnell zeigen ihre Ermittlungen, dass Gehrling etliche dieser Königinnen sexuell belästigt hat, was für einen ziemlich großen potenziellen Täterpool sorgt. Inmitten all dieser furchtbaren Sexualdelikte müssen sich Batic und Leitmayr große Fragen stellen: Wer könnte hinter Gehrlings Mord stecken? Ist der Mord berechtigt? Und sollten die Kommissare vielleicht ihr eigenes Verhalten hinterfragen?

Batic und Leitmayr auf fremden Spuren: Passt der Fall zu den Ermittlern?

Man kann „Königinnen“ vieles vorwerfen, aber nicht, dass der Fall nicht ambitioniert wäre. Den prominentesten Sendeplatz der Woche zu nutzen, um Themen wie Sexismus und Belästigung zu verhandeln, ist auf jeden Fall ein mehr als nobler Ansatz. Trotzdem prangt inmitten dieses Ansatzes ein großes Problem.

Vorab sei gesagt, dass gerade die Idee, zwei alteingesessenen Kommissaren wie Batic und Leitmayr derartige Themen aufzudrücken, mehr als interessant ist. So legt man den Ermittlern gleich die Bürde auf, sich und ihr Verhalten ebenfalls zu hinterfragen. Den gesamten Fall lang stehen Gehrlings Taten, aber auch Übergriffe und die ambivalente Art, wie sie auftreten können, präsent im Raum. Ungleich manch anderer Fälle bemüht man sich nicht einfach nur, modern zu sein, sondern ist es.

Gleichzeitig existiert aber auch ein tonales Ungleichgewicht. Ob es so clever ist, sexuelle Übergriffe in einem Schmunzelkrimi aufzuarbeiten, bleibt auf jeden Fall fragwürdig. Um das zu verbildlichen: Es gibt eine Szene, in der Leitmayr einen jungen Mann zusammenfaltet, weil er eine Frau mehrfach gegen ihren Willen anfasst. Davor und danach gibt es aber auch Szenen, in denen Kollege Kalli (Ferdinand Hofer) als Frauenheld dargestellt wird und sich nach One-Night-Stands nicht mehr meldet. Man wirkt kontinuierlich unsicher, ob man das Thema nun ernst nehmen will oder ob man doch lustig sein möchte.

Diese Unsicherheit findet sich auch bei der Figur des Gehrling sowie der Rolle wieder, die Veronica Ferres spielt. Die beiden haben noch eher altertümliche Ansichten, was sexuelle Belästigung betrifft, und treffen entsprechend harte Aussagen. Das Problem ist aber, dass ihre Aussagen stehengelassen und selten noch einmal eingeordnet werden. Das erweckt eher den Anschein, als würde man sich wieder zwischen alle Stühle setzen wollen, um niemandem auf die Füße zu treten – was bei so einem Inhalt aber wohl kaum der Ansatz sein sollte.

Wie eine „Wichsvorlage für Jungbauern“: Ein schön inszenierter „Tatort“

Auch wenn der Inhalt viele Fragen aufwirft, muss man „Königinnen“ lassen, dass der Fall technisch etwas hermacht. Wie in vielen Batic-und-Leitmayr-Fällen ist die Kamera nicht nur statischer Beobachter, sondern wird überall hingesteckt, wo sie hingesteckt werden kann. Urplötzlich findet sich die Zuschauerschaft unter Schlüsselkartengeräten und in der Minibar wieder. Im nächsten Moment gleicht der Kaffeebecher, den Gehrling in den Müll wirft, demselben, der in den Müll geworfen wird, als er im Krankenhaus liegt – ein sogenannter Matchcut.

Was auch zumindest mit meinem Geschmack „matcht“, ist die Musik. Häufig dudelt im „Tatort“ belanglose Klaviatur durch die Szenen, die sich selten dem Geschehen anpasst. Doch für „Königinnen“ hat man ein schön verspieltes Leitmotiv gefunden, dem sich ein paar weitere gelungene Stücke anschließen.

Abzüge in der B-Note bekommt hingegen die Ausstattung, die unüblich für einen „Tatort“ aussieht. Im grellen Sonnenlicht ertränkt, sieht man etliche Kulissen und Szenerien, die eher so wirken, als müssten sie in einer ARD-Vorabendserie wie „In aller Freundschaft“ stattfinden. So wird man aus der Immersion des Falls gerissen und gleichzeitig wirkt auch das zu positiv im direkten Vergleich zu dem, was man eigentlich erzählen möchte.

Zwischen Epstein und Schuldfrage: Der „Tatort“ macht was her

„Mord oder nicht – es war jetzt schon der coolste Fall des Jahres, oder?“, sagt Kalli kurz vor dem Ende des Falls. Und auch wenn ich ihm da nicht ganz zustimme, muss ich schon sagen, dass „Königinnen“ ein durchaus sehenswerter Beitrag im „Tatort“-Kosmos ist.

Klar weiß man nie ganz, ob der Fall jetzt progressiv oder regressiv sein möchte, aber ich gebe ihm da einfach mal den Vertrauensvorschuss und behaupte, dass man per se gute Intentionen hatte – auch wenn der bemühte Bezug zu Epstein wirklich viel zu bemüht ist.

Ich glaube, die Frage, die sich jeder und jede stellen muss, ist viel eher: Passt der Fall zu Batic und Leitmayr?

Sobald man das für sich beantwortet hat, steht eigentlich nichts mehr im Wege, um einen guten TV-Abend zu haben. Und selbst wenn dem nicht so sein sollte: Wegen des Feiertags wird gleich schon morgen der nächste „Tatort“ zur Primetime gezeigt.