Interview zum Antikriegsfilm

„Der Tiger“ mit David Schütter: „Krieg darf niemand auch nur eine Sekunde rechtfertigen!“

Amazons „Der Tiger“ zeigt Krieg als Abgrund der Menschlichkeit – im TVMovie-Interview macht David Schütter klar, warum uns dieses Thema nicht kaltlassen darf.

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Video: Xcel Production / Maz&Movie / Amazon MGM Studios

Ein Film über menschliche Abgründe – und die Deutschlands: Amazons „Der Tiger“ holt den Krieg erschreckend nah an uns heran. Ein Film, der tief unter die Haut geht und die Frage stellt: „Wie hätte ich damals gehandelt?“ In der Enge des „Tiger“-Panzers, einem der gefürchtetsten seiner Zeit, kämpfen fünf Männer 1943 an der Ostfront nicht nur ums Überleben, sondern auch mit dem Konflikt zwischen Gehorsam und eigenen Werten. Genau darin liegt die Intensität von Regisseur Dennis Gansels Antikriegsdrama.

David Schütter, der Leutnant Philip spielt, betont im TVMovie-Interview: „Der Film ist genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.“

„Der Tiger“: David Schütter im Interview

David Schütter in „Der Tiger“: Er sitzt im Panzer und blickt aus der Luke hinaus. Ein Auge zusammengekniffen, das andere wachsam. Auf dem Kopf trägt er große Kopfhörer und einen Helm, gekleidet in eine Wehrmachtsuniform des Zweiten Weltkriegs.
David Schütter verkörpert in „Der Tiger“ Leutnant Philip Gerkens – eine Rolle, die ihn mehrfach an seine Grenzen brachte. Foto: Amazon MGM Studios

TVMovie-Redakteurin Alva Frankenstein: David, deine Rolle ist alles andere als leicht. Wie hast du dich auf die Figur von Leutnant Philip Gerkens vorbereitet?

David Schütter: Ja, wir waren im Panzermuseum und haben uns mit historischen Beratern unterhalten. Dennis wusste sehr viel dazu, wir natürlich auch. In der Schule kam man ja glücklicherweise nicht drumherum. Das Schwierige an der Vorbereitung war für mich: Ich bin ja als David Schütter – wenn man es mit dem Humanismus hält – jemand, der diesen Abschnitt unserer Geschichte verurteilt. So sollte es im besten Falle auch sein.

Und jetzt muss ich aber eine Figur spielen, für die ich (trotz der schlimmen Taten) Empathie empfinden soll. Das unter einen Hut zu kriegen, war schwierig. Deswegen ist manches, was die Figur sagt, auch ein bisschen eine Lüge. Das hat sich übertragen: Meine Figur ist verzweifelt und versucht, sich irgendwie Sinnhaftigkeit reinzulügen.

Also eine Art innere Zerrissenheit in deiner Rolle – hast du das beim Spielen auch empfunden?

Total. Wenn die Figur davon spricht, dass der Befehl das Einzige ist, was uns noch zusammenhält, dann ist das ein verzweifelter Versuch, sich an irgendwas zu klammern. Das hatte ich in dieser Zerrissenheit auch: Irgendwo Empathie zu haben, aber es gleichzeitig auch zu verurteilen und das nicht ganz abstellen zu können. Ich meine, ich bin ja immer noch ich!

In „der Tiger“ drehte sich alles um einen großen Auftrag: Philip muss seinen Freund – und zugleich Verräter – Paul nach Deutschland zurückbringen. Hättest du als David genauso gehandelt?

Ich glaube, der Freund von Philip ist für ihn ein verzweifelter Versuch, wieder in sein früheres Leben zurückzufinden. Philip spricht immer wieder darüber, „was sie mal waren“ – und ich denke, er stammt aus einer Zeit, in der er noch jemand anderes war, noch nicht durch seine eigenen Taten und das Ungeheuer des Krieges verändert und verwandelt. Ich glaube, er versucht da irgendwie eine Art Ehemaligkeit wiederzufinden.

Achtung, die nächste Frage enthält einen Spoiler! Falls du den Film noch nicht kennst, überspringe sie lieber!

Irgendwie auch ironisch, dass es ausgerechnet um einen Freund geht, den er verraten möchte – oder?

Ja, ich weiß nicht, wie viel das jetzt spoilert, aber das stimmt. Es ist fast schon zynisch, nicht nur ironisch!

Ein schwerer Panzer vom Typ Tiger rollt auf einem matschigen Weg durch eine graue, neblige Landschaft. Im Hintergrund ragen die Ruinen eines zerbombten Gebäudes auf, ausgebrannte Fensterhöhlen und zerfallene Mauern. Zwei Soldaten sind oben aus den Luken des Panzers zu sehen.
Weit und breit kein Leben mehr: Die fünfköpfige Gruppe zieht mit ihrem „Tiger“-Panzer über die verlassene Ostfront. Foto: Amazon MGM Studios

Gab es dabei Szenen, die dich emotional noch Tage nach dem Dreh beschäftigt haben?

Ja. Zum Beispiel die Szene mit Lorenz Rupp, in der wir uns versprechen, nach dem Krieg ein Glas Wein zu trinken, obwohl wir wissen, dass es nie passieren wird. Das werde ich nicht vergessen …

Das Reh auf der Brücke eröffnet den Film und schließt ihn wieder – was glaubst du, welche Bedeutung hat das Motiv?

Ich habe ein Gefühl dazu, kann es aber schwer benennen. Vielleicht steht es für die verlorene Unschuld, die noch einmal aufblinzelt, bevor sie für immer verschwindet. Denn nach dem Krieg ist diese Unschuld nicht mehr in einem zu finden – nach den Taten, die man dort begangen hat.

Was wünschst du dir, sollen die Zuschauer:innen nach dem Abspann mit nach Hause nehmen?

Wir haben diesen Zeitabschnitt bisher immer in schwarz-weiß und weit weg gezeigt. Und all die Menschen, die damals so schrecklich gehandelt haben, waren Monster für uns. Diesmal holen wir sie näher an uns heran und entwickeln Empathie für sie. Vorher haben wir immer gedacht: Das, was da in Schwarz-Weiß gezeigt wird, sind wir nicht – das kann uns nicht passieren.

Und vielleicht, wenn man sie näher an uns ranholt und Mitgefühl für die Menschen entwickelt, denkt man: „Fuck, das könnte vielleicht auch ich sein. Vielleicht könnte auch mir so etwas passieren.“ Und vielleicht reflektieren die Leute dann auf eine andere Art und Weise – und genau das wünsche ich mir.

Wenn du nur einen Satz hättest, um Philip und seine Reise zu beschreiben – welcher wäre das?

Er geht durch eine Odyssee der Schuld, bis er nicht mehr weiß, wo er hinwollte und wo er eigentlich ist.

David Schütter in „Der Tiger“ als Leutnant Philip Gerkens: Er sitzt in seinem Panzer und schaut aus der Luke heraus. In der Hand ein Fernglas, der Blick konzentriert nach vorne gerichtet.
Im „Tiger“-Panzer wird David Schütter zum Kommandanten, der Befehle geben und töten muss – doch irgendwann merkt er: Der wahre Feind sitzt längst in ihm selbst. Foto: © Amazon MGM Studios

Was würdest du den Zuschauer:innen gerne mit auf den Weg geben?

Humanismus auf Platz eins. Der Mensch vor dem Befehl – und vielleicht den Befehl auch ganz weit hinten.

Meinst du damit, dass man Befehle auch in Frage stellen muss?

Alles hinterfragen, was Gesetze sind, was gesellschaftliche Normen sind. Denn oft sind alte Traditionen und Gesetze und Dinge, die man einfach so hinnimmt, absoluter Bullshit!

Und deswegen: alles noch mal hinterfragen und sich die Frage stellen – was mache ich damit? Will ich so ein Mensch sein? Und will ich, dass mir so etwas angetan wird? Will ich das anderen antun? Immer wieder hinterfragen und nicht müde dabei werden, denn es kann das Beste dabei rauskommen.

Deine Aussage „Die große Frage unserer Zeit auf die Enge eines Panzers“ – kannst du das näher erklären?

Wir fahren durch eine Odyssee der Schuld. Und hoffentlich ist sie furchtbar und unbequem genug, dass niemand gefeit ist davor, Krieg in irgendeiner Form auch nur eine Sekunde zu rechtfertigen oder als gut zu empfinden

Im Vordergrund steht Leutnant Philip Gerkens (David Schütter) mit Schirmmütze und verschmutztem Gesicht, sein Blick ernst und angespannt. Hinter ihm sind seine Kameraden zu sehen: Christian (Laurence Rupp), Helmut (Leonard Kunz).
Philip (David Schütter), Christian (Laurence Rupp), Helmut (Leonard Kunz), Keilig und Michael (Yoran Leicher) vereint an der Ostfront. Foto: © Amazon MGM Studios

Also würdest du sagen, der Film ist genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen?

Leider ja. Leider ja ...

Als erster deutscher Amazon-Originalfilm hat es „Der Tiger“ auf die Kinoleinwand geschafft. Der Film läuft bereits deutschlandweit in ausgewählten Kinos, kann jedoch noch nicht online geschaut werden. In welchen Kinos der Film verfügbar ist, erfährst du hier!

Quellen

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