Colin Stagg heute: Im Mordfall Rachel Nickell wurde er zu unrecht beschuldigt – und dann?
Netflix greift den Mord an Rachel Nickell im Drama „The Witness“ auf. Auch die Dokumentation „Der Mord an Rachel Nickell“ beleuchtet den spektakulären Justizirrtum und lässt den zu Unrecht beschuldigten Colin Stagg selbst zu Wort kommen. Wie geht es ihm über 30 Jahre später?

Der Mord an Rachel Nickell zählt zu den bekanntesten Kriminalfällen Großbritanniens. Die junge Mutter wurde am 15. Juli 1992 auf dem Wimbledon Common in London brutal ermordet. Schnell geriet Colin Stagg ins Visier der Ermittler. Obwohl es keine forensischen Beweise gegen ihn gab, wurde er verhaftet und öffentlich als Hauptverdächtiger dargestellt. Heute gilt sein Fall als eines der gravierendsten Justizversagen der britischen Geschichte.
Warum geriet Colin Stagg unter Mordverdacht?
Zum Zeitpunkt der Tat war Colin Stagg 29 Jahre alt, arbeitslos und lebte in der Nähe des Tatorts. Aufgrund eines Täterprofils und mehrerer Hinweise aus der Bevölkerung konzentrierte sich die Polizei zunehmend auf ihn.
Da handfeste Beweise fehlten, starteten die Ermittler die umstrittene Geheimoperation „Operation Edzell“. Eine verdeckte Ermittlerin schrieb Stagg unter dem Namen „Lizzie James“ zahlreiche Briefe und gab vor, romantisches Interesse an ihm zu haben. Die Hoffnung der Polizei: Stagg könnte sich selbst belasten.
Doch genau das geschah nie. Selbst als die Ermittlerin ihm praktisch eine Vorlage für ein Geständnis lieferte, bestritt er jede Beteiligung an dem Mord. Weil er eine Reihe von Sexfantasien geschildert haben soll, die mit Gewalt einhergingen, wurde er dennoch angeklagt – und kam schnell wieder auf freien Fuß. Lange hielt sich jedoch die Idee, der sei nur wegen einer Art Verfahrensfehler davongekommen.

Netflix-Doku zeigt die Folgen für Colin Stagg
In der Netflix-Dokumentation „Der Mord an Rachel Nickell“ sitzt Colin Stagg in einem Hotelzimmer und blickt auf die Ereignisse zurück, die sein Leben dauerhaft veränderten.
Besonders eindrücklich schildert er, warum die Kontaktaufnahme der vermeintlichen „Lizzie James“ bei ihm überhaupt so erfolgreich war. Stagg erklärt, dass er bereits vor den Ermittlungen unter einem geringen Selbstwertgefühl gelitten habe. Zudem habe er bis zu seinem 29. Lebensjahr nie eine feste Freundin gehabt.
Als plötzlich Briefe einer Frau eintrafen, die Interesse an ihm zeigte, habe ihn das glücklich gemacht. Endlich, so beschreibt er es sinngemäß in der Dokumentation, habe sich eine Frau für ihn interessiert. Genau diese persönliche Unsicherheit machten sich die Ermittler bei ihrer Undercover-Operation zunutze.
Gleichzeitig berichtet Stagg, dass die Ereignisse sein ohnehin geringes Selbstwertgefühl weiter verschlechterten. Die öffentliche Verdächtigung habe tiefe Spuren hinterlassen.
13 Monate im Gefängnis – obwohl es keine Beweise gab
1993 wurde Colin Stagg wegen des Mordes an Rachel Nickell angeklagt und verbrachte insgesamt 13 Monate in Untersuchungshaft.
Doch noch bevor der eigentliche Prozess richtig beginnen konnte, stoppte ein Richter das Verfahren. Die Methoden der Polizei seien von außergewöhnlich täuschender Natur gewesen, urteilte das Gericht. Die durch die Lockspitzel-Aktion gewonnenen Erkenntnisse wurden als unzulässig eingestuft.
Stagg wurde freigesprochen. Dennoch blieb der Verdacht in der Öffentlichkeit jahrelang bestehen. In der Netflix-Doku erinnert er sich daran, wie Menschen ihm auf der Straße „Schuldig!“ oder sogar „Hängt ihn!“ hinterherriefen.
Wie wurde Colin Stagg endgültig entlastet?
Erst viele Jahre später brachte moderne DNA-Technologie die Wahrheit ans Licht. Die Ermittler identifizierten schließlich den Serienvergewaltiger und Mörder Robert Napper als Täter.
2008 bekannte sich Napper zur Tötung von Rachel Nickell. Gleichzeitig entschuldigte sich die Londoner Polizei offiziell bei Colin Stagg für die jahrelange Verfolgung und die schwerwiegenden Folgen des Justizirrtums.
Stagg erhielt später eine Entschädigung in Höhe von rund 706.000 Pfund.
Colin Stagg heute: So lebt er nach dem Justizirrtum
Nach seiner endgültigen Entlastung zog sich Colin Stagg weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Zwischenzeitlich veröffentlichte er Bücher über seine Erlebnisse und gab vereinzelt Interviews.
In der Netflix-Dokumentation berichtet er, dass ihn die Ereignisse lange Zeit paranoid gemacht hätten. Selbst harmlose Situationen im Alltag seien für ihn belastend gewesen. Wenn er etwa eine Frau auf der Straße angesehen habe, habe er sofort befürchtet, andere könnten ihm etwas unterstellen.
Trotz allem versuchte Stagg, sich ein neues Leben aufzubauen. Er war zeitweise mit Diane Beddoes verheiratet und führte später weitere Beziehungen. Über sein heutiges Privatleben ist jedoch nur wenig bekannt, da er bewusst Abstand zur Öffentlichkeit hält.
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mord an Rachel Nickell bleibt Colin Stagg für viele Menschen das Symbol eines dramatischen Justizirrtums. Die aktuelle Netflix-Doku und die neue Serie „The Witness“ erinnern nun erneut daran, welche verheerenden Folgen falsche Verdächtigungen für das Leben eines unschuldigen Menschen haben können.
Quellen
„Der Mord an Rachel Nickell“ auf Netflix







