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"Blond": Kritik zum Marylin Monroe-Epos mit Ana de Armas

Ana de Armas setzt die Traumfabrik in Flammen: "Blond", die sehnlichst erwartete Adaption von Joyce Carol Oates' Bestseller über das Leben von Marylin Monroe bzw. vor allem Norma Jeane, ist ein Fiebertraum und eine Abrechnung zugleich. Doch auch ein guter Film?

Marylin Monroe Ana de Armas Blonde
Ana de Armas übernimmt in "Blond" von Andrew Dominik die Hauptrolle. Wie uns der Film gefallen hat, lest ihr in unserer Filmkritik von den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Foto: Netflix

Was ist Traum? Was ist Realität? Und wer war Norma Jeanne eigentlich wirklich? Wer nach dem Screening von Andrew Dominiks Film-Adaption "Blond" erst einmal zum Smartphone oder Tablet greift und sich durch Wikipedia & Co. scrollt, um auch nur eine Idee davon zu bekommen, wer Marylin Monroe bzw. Norma Jeane eigentlich tatsächlich war, landet tatsächlich genau in diesem Graubereich, den Joyce Carol Oates in ihrer vielfach ausgezeichneten und hochgelobten Novelle "Blond" umrissen hat. Über 11 Jahre hat Regisseur Andrew Dominik ("Die Ermordung von Jesse James vom Feigling Robert Ford") daran gearbeitet, die explosive Adaption zu realisieren. Nun ist "Blond" da und dürfte vermutlich einer der ambivalentesten und diskussionswürdigen Filme werden, die 2022 erscheinen. Dass der Film von den meisten Zuschauer*innen zur Veröffentlichung bei Netflix konsumiert werden wird, ist sowieso ein eigenes Kapitel für sich.

“I Wanna Be Loved by You”

Blonde
Eingeschnürrt in ein Kunstobjekt: Ana de Armas (r.) als Marylin Monroe Foto: Netflix

Das zentrale Trauma und gleichzeitig auch den inneren Kampf zwischen Kunstfigur Marylin Monroe und Privatfigur Norma Jeane verortet Dominik in der Kindheit der Hauptfigur: Norma Jeane wurde am 1. Juni 1926 im General Hospital in Los Angeles geboren als Kind von Gladys Pearl Mortensen bzw. ihrem Mädchennamen Monroe. Über ihr anderes Elternteil weiß die junge Norma Jeane lange Zeit nichts. In einer der zentralen Sequenzen in der ersten Filmhälfte zeigt Gladys ihrer Tochter ein Bild von ihrem vermeintlichen Vater: Wie ein DNA-Test aus dem Jahr 2001 bewiesen hat, soll es sich dabei um Charles Stanley Gifford gehandelt haben, dem damaligen Vorgesetzten von Norma Jeanes Mutter. Die ersten Jahre wächst Norma Jeane wohlbehütet bei einer Pflegefamilie auf, die im Film jedoch nicht vorkommt. Stattdessen „springt“ Dominik direkt zum nächsten Teil des Kindheitstraumas: Inmitten eines gewaltigen Brandes, der L.A. heimsucht, konfrontiert Gladys ihre Tochter mit der Tatsache, dass sie für den Verlust des Mannes in ihrem Leben verantwortlich sei – und letztendlich damit auch für ihren psychischen Verfall. Während die Asche nicht nur sprichwörtlich vom Himmel in Los Angeles regnet, wird die Kunstfigur Marylin Monroe geboren. Daenerys Targaryen wäre über diese feurige Wiedergeburt mehr als nur erfreut.

Doch ganz ohne einen feuerspuckenden Drachen in der Hinterhand ist es für ein unscheinbares und schüchterenes Mädchen ohne Vater oder Mutter nicht ganz so einfach in der patriarchalen Kunstwelt. Marylin Monroe startet als beliebtes Fotomodell und wird später auch als Schauspielerin entdeckt – was das genau in der Prä-MeToo-Ära bedeutet, zeigt Dominik mehr als nur deutlich. Ihre Transformation zur Leinwand-Ikone schreitet voran: Als sie im März 1948 ihren ersten großen Zeitvertrag bei Columbia Pictures unterschreibt, ist eine der Bedingungen, dass sie ihre Haare stärker blondieren lässt. Auch diese Details lässt Dominik in seinem Film aus, wenngleich der physische Transformationsprozess zu Marylin Monroe schon abgeschlossen zu sein scheint, ist der Drang und der Wunsch nach Anerkennung der Privatperson Norma Jeane größer denn je. 

"Diamonds Are a Girl's Best Friend"

Blonde Stills
Marylin Monroe begeister das Publikum Foto: Netflix

Ab hier setzt sozusagen der zentrale Erzählteil von Andrew Dominiks “Blond“ ein, der zwar weitgehend chronologisch vorgeht und sich auch an einigen biografischen Eckpunkten in Monroes Vita abarbeitet, gleichzeitig erzählerisch auch sehr fragmentiert voranschreitet. Stilistisch erinnert das Ganze dann doch etwas an Pablo Larrains „Spencer“ bzw. „Jackie“: Immer wieder streut Dominik Eindrücke, Traumsequenzen, Flashbacks ein, die sich dann auch direkt dem größeren Bilderzählfluss unterordnen. Dass Dominik ein herausragendes Gespür für Ästhetik und Bildsprache hat, hat er bereits bei „Die Ermordung von Jessie James durch den Feigling Robert Ford“ sowie seinen Nick Cave-Dokumentationen eindrucksvoll unter Beweis gestellt, doch in „Blond“ setzt er nochmal einen drauf: Zwischen körnigen Schwarzweiß-Sequenzen, unterschiedlichen Bildformaten und Farbsequenzen zuckt immer wieder ein roter Faden durch, der vor allem vom Innenleben seiner Protagonistin zusammengehalten wird. Wunderbar ist auch die stimmungsvolle Untermalung von Nick Cave & Warren Ellis gelungen. Dass dieser bildsprachlich herausragende "Kunstfilm" durch die Netflix-Auswertung von einem guten Teil seines Publikums auf dem Laptop-Bildschirm konsumiert werden wird, ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht für alle Kinofans.

Doch zurück zum Film: Ana de Armas ist das pochende Herz und die Seele von „Blond“. So künstlerisch eindrucksvoll Dominik seinen Film auch anlegt, ohne seine herausragende Hauptdarstellerin wäre „Blond“ eine hübsche 2,5-stündige Trailer-Show in einer Kunstausstellung geworden. De Armas gibt alles, um den inneren Zwist zwischen Kunstfigur und Privatfigur lebendig werden zu lassen (auch wenn natürlich die Grenzen zwischen Authentizität und Kunst wieder einmal schwer ins Wanken geraten). Wenn sie sich zum Ende des Films schreiend ihr makelloses Gesicht mit ihren Fingernägeln zerkratzt, wenn die kurze Fassade im Spiegel zerfällt, wenn sie einen kurzen Moment der sexuellen Erfüllung erlebt, dann ist es vor allem Ana de Armas, die Norma Jeane bzw. viel öfter Marylin Monroe ein wirkliches Gesicht gibt. Jegliche Kritik am möglichen Akzent der Darstellerin sind eigentlich nur ein weiterer Beweis einer fast schon toxischen Fanliebe zu Marylin Monroe und dem Mythos, der sie umgibt.

“Every Baby Needs a Da-Da-Daddy”

Blonde Ana de Armas
Ana de Armas spielt herausragend als Marylin Monroe/Norma Jeane Foto: Netflix

Inhaltlich auch kontrovers ist „Blond“ vor allem dahingehend, dass er die Ambivalenz von Marylin bzw. Jeane größtenteils auf den Vaterkomplex und ihren unerfüllten Kinderwunsch reduziert. Fast schon unangenehm erscheint es, wenn De Armas ihren späteren Lebensgefährten Arthur Miller (Adrien Brody) immer wieder als „Daddy“ anspricht oder wenn sie sich in den Abtreibungssequenzen, in dem immer wieder ein kurzer Blick auf ihren Fötus offenbart wird, schlussendlich wieder auf das (Schweinwerfer-)Licht konzentriert. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass „Blond“ inhaltlich nichts zu erzählen hätte: Vor allem die Hollywood-Traumfabrik wird kurzerhand angezündet und niedergerissen. Die Fratzen der Männer, der Male Gaze, die Gewalt, die sexuelle Ausbeutung und die Objektifizierung der Darstellerin: All das sind inhaltliche Elemente, die uns Dominik mit voller Wucht entgegenschleudert und in seine kunstvolle Darbietung verpackt.

Mehr "Norma Jeane" hätte man sich trotzdem gewünscht. Denn letztendlich schafft es "Blond" nicht ganz dem zu entgehen, das er eigentlich aufzeigen möchte: Weil Dominik uns Norma Jeane vor allem in dem Spannungsfeld zeigt, in dem andere Männer, Filme, Einflüsse auf sie einwirken, sehen wir viel zu selten die Person, die Joyce Carol Oates in ihrem Roman "Blond" eigentlich porträtieren wollte. In Dominiks Film wirkt Monroe wie eine Superheldin, die es nicht mehr schafft ihr Kostüm auszuziehen, weil die „Daddy Issues“ und der unerfüllte Kinderwunsch ihn fast schon wie ein Sekundenkleber an ihr anheften lassen. "Blond" zeigt Ana de Armas zwar nackt und entblößt, aber zu selten als das, was er eigentlich vorhatte zu zeigen.

"Blond" startet voraussichtlich am 28. September 2022 exklusiv bei Netflix. Wir haben den Film bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gesehen. Einen Trailer zum Film seht ihr hier:

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